Kultur : Was machen wir heute?: Freundlich bleiben

Markus Huber

Da, wo ich herkomme, gibt es kein elektrisches Licht. Wir schlafen in Höhlen, wir trinken Met aus Menschenschädeln und wenn es uns geschmeckt hat, rülpsen wir als Zeichen der Zustimmung über den Tisch. Wir schlagen unsere Frauen, wir machen Schabernack mit Hündchen, und wenn wir wieder mal ein Auto geklaut haben, dann fahren wir so lange bei Rot über die Ampeln, bis wir die Alterspyramide ins Lot gebracht haben. Ja, wir Österreicher sind ein kulturloses Volk.

Sie wussten das nicht? Das trifft sich - ich auch nicht, zumindest nicht bis zu jenem Freitagabend vor zwei Wochen, als ich mich mit der Frau an meiner Seite anschickte, die neue Mitte jenseits der Oranienburger Straße zu erkunden. Wir waren bester Dinge, rund um uns pulsierte die Stadt, was man abends vor allem daran erkennt, dass auf den Gehwegen mehr geparkte Autos stehen als Fußgänger. Nichts konnte einem gelungenen Abend also im Weg stehen. Auch nicht die Polizeikontrolle an der Auguststraße.

Vielleicht waren wir zu fröhlich, vielleicht waren wir zu aufgekratzt, vielleicht haben wir da, wo wir herkommen, auch einfach nur keine besonders gute Menschenkenntnis - jedenfalls haben wir nicht bemerkt, dass das amtshandelnde Exekutivorgan an diesem Abend nicht seinen besten Abend hatte. Also los: Führerschein - in Ordnung; TÜV - gemacht; Zulassungsschein - vorhanden, Stopp. Der Halter unseres Fahrzeugs ist nämlich dummerweise der Vater meiner Braut, und der war nicht anwesend. Eine schriftliche Erklärung, aus der einwandfrei hervorgeht, dass seine Tochter seinen Wagen benützen könne, hatten wir nicht dabei. Immer noch bester Dinge wollte ich dem Exekutivorgan die Telefonnummer des Vaters meiner Braut aushändigen, damit so auf dem kleinen Dienstweg festgestellt werden kann, dass es sich bei dem betreffenden Fahrzeug keineswegs um ein in Österreich geklautes Kleinmobil handle. "Wollen Sie mich beleidigen", meinte die Dame, "ich weiß, dass da, wo sie herkommen, andere Sitten herrschen, aber hier in Deutschland spricht man mit der Polizei ordentlich."

Andere Sitten? Schlimme Bilder (siehe oben) rauschten durch meinen Kopf. Ich sah brennende Mülltonnen, einen prügelnden Mob auf den Straßen, der wehrlosen Menschen die Handtaschen klaut. Ob meine Eltern nicht besser emigrieren sollten? Offenbar konnte das amtshandelnde Organ meine Gedanken lesen, denn nachdem ich ihr die 120 Mark Strafe für Fahren ohne Sicherheitsgurt aushändigte, verabschiedete sie mich mit den Worten: "Warum gehen Sie eigentlich nicht dorthin zurück, wo sie herkommen?"

Mache ich. Davor werde ich einmal noch ins Theater gehen. Kommende Woche spielen der Wiener Kabarettist Christof Grissemann und sein deutscher Kollege Dirk Stermann im BKA Luftschloss ihr atemberaubend schönes Stück "Karawane des Grauens". Ich sollte sie fragen, ob sie damit die Zustände in Deutschland oder die in Österreich meinen.

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