Was machen wir heute? : Für Heiner Müller begeistern

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann.

Jochen Schmidt

Neulich sagte ein westdeutscher Kollege zu mir, Heiner Müller sei doch wirkungslos geblieben. Ich konnte ihm nicht widersprechen, weil es für ihn ja zutraf. Die ganze DDR ist wirkungslos geblieben, wie die Azteken. Von ihr blieben nur ein paar Keks- und Biersorten und meine Erinnerungen. Man könnte sagen: Die Wirkung der DDR liegt darin, dass es so unpopulär für Politiker geworden ist, etwas wie die DDR aufbauen zu wollen. Die DDR-Bürger waren so etwas wie Medikamententester für die restlichen Deutschen. Mein Kollege fragte mich auch, wie wir in der DDR denn programmieren konnten, wir hatten doch keine Computer.

Für die meisten Westdeutschen gab es keine deutsch-deutsche Frage, sondern nur eine Antwort. Sie werden sich nie für Heiner Müller interessieren. Als junger Autor hat er einmal, um seine Haut zu retten, öffentlich Selbstkritik geübt: „Für meinen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband gibt es Gründe genug. Sie abzuschaffen, wird meine Aufgabe sein.“ In einem Band seiner Werkausgabe findet sich eine „Grußadresse an eine Akademie“, eine Variante dieser Selbstkritik, ebenfalls von 1961: „Man sollte euch Scherben ins Maul stopfen, bis der Wind auf euren zerrissnen Gedärmen spielt.“ Den Text hat er nicht veröffentlicht.

„Lasse nie jemanden wissen, was du denkst“", sagt Al Pacino in „Der Pate III“. Mich tröstet dieses Beispiel, wenn ich mich als Autor prostituieren muss, um meine Bücher zu verkaufen. Oder wenn ich bei Starbucks arbeitete und gezwungen bin, jeden anzulächeln. Wenn ich durch Berlins Mitte fahre, wo im letzten Jahr ein Stück deutscher Geschichte abmontiert wurde, weil die DDR auch weiterhin wirkungslos bleiben soll. Dann denke ich an Heiner Müller: „Ich wünschte mein Vater wäre ein Hai gewesen/ Der vierzig Walfänger zerrissen hätte/ (und ich hätte schwimmen gelernt in ihrem Blut)“.

8. Januar, Babylon Mitte, 21.15 Uhr „Ich will nicht wissen, wer ich bin – Heiner Müller“, Dokumentarfilm.

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