Kultur : Was machen wir heute?: Geizig sein

Matthias Kalle

Ach, es war eine andere Zeit, ja, es war beinahe ein anderes Leben. Damals, in München, als ich mein erstes, gutes Geld verdiente und dieses Geld mit vollen Händen nicht nur ausgab, sondern regelrecht zum Fenster rausschmiss. Ich war jung, und ich brauchte kein Geld, aber ich hatte welches: Ich ging essen, zweimal am Tag, Kino, Club, neue Turnschuhe, abends ein Bier, ach was, ruhig ein paar mehr und für die Dame, natürlich!, Champagner. Was - so lautete damals meine Lieblingsfrage - kostet die Welt? Ich gab auch denen, die sonst nichts hatten, fragte mich jemand nach einer Mark, gab ich zwei, saß irgendwo ein Muttchen, das selbstverständlich von der Mafia dort abgestellt wurde, steckte ich ihr ein paar Münzen zu, denn am Abend, wenn die Mafia das Muttchen wieder abholt und sie nicht genug vorweisen konnte, dann gab es Haue, das wusste ich.

Nun ja, dann bin ich nach Berlin gezogen. Ich verdiene jetzt sogar noch ein bisschen mehr Geld, aber es wird mir schließlich nicht geschenkt - man erwartet Spitzenleistungen von mir. Ein guter, ein gerechter Deal, denn geschenkt bekommen will ich nix. Aaaaber, und das hat sich geändert, seit ich in Berlin lebe: Ich schenke auch nix mehr - für lau habe ich nichts zu geben, denn langsam reicht es.

Ich rauche sehr viel, wo ich stehe und gehe, aber wenn ich auf einer Straße gehe, zum Beispiel von der U-Bahnstation Kurfürstenstraße auf der Potsdamer Richtung Redaktion, dann muss ich mich zwingen, keine Zigarette zu rauchen, obwohl sie für diesen Weg die optimale Länge hätte. Warum also nicht? Weil ich keine fünf Meter vorwärts komme, ohne angehalten und gefragt zu werden: "Schuldigung, haste ma ne Lunte?" Abgesehen davon, dass ich keine Lunten rauche, nervt dieses Angehalten werden ja schon deshalb, weil das Gehen zum Stillstand kommt und morgens, auf dem Weg zur Arbeit, habe ich es eilig. Jetzt kann man natürlich schlecht sagen: "Tut mir Leid", während man eine Zigarette im Mund hat - lügen kann ich nicht. Ich gab immer meine Lunten, jedem, der mich fragte, und das schien sich mit der Zeit rumgesprochen zu haben, es wurden auf dem kurzen Weg von der

U-Bahn bis in die Redaktion immer mehr Schnorrer, an manchen Tagen hatte ich Angst, mit einer leeren Schachtel im Büro anzukommen.

Ich rauche jetzt nicht mehr auf dem Weg zur

Arbeit, manchmal komme ich nervös und zerfahren ins Büro. Dort haben wir letztens darüber gesprochen, wie man denn heutzutage sein Geld am besten zusammenhält. Manche vertrauen weiterhin auf Aktien, andere schwören auf das Sparbuch, einer sagte, man müsse jetzt, gerade jetzt, sein Geld unter die Leute bringen und kaufen, was das Zeug hält - der Wirtschaft zuliebe. Dazu gehöre es auch, sagte er weiter, dass man der Aufforderung "Haste manen Euro" unverzüglich nachkommt. Aber seit dem 1. Januar habe ich, seltsamerweise, kein Kleingeld mehr in der Tasche. Aber das, die Wahrheit also, die glaubt einem ja eh kein Mensch.

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