Kultur : Was machen wir heute?: Heimweh haben

Katja Hübner

Ich sitze in der ersten Reihe. Neben mir meine Freundin. Wir strecken unsere Füße nach vorn in den leeren Raum. Es ist kalt. Die Heizung funktioniert nicht. Ihre Rohre klappern zwecklos. Wir haben Mützen auf und wärmen uns gegenseitig die Hände. Ein weißhaariger Mann im Mantel und Schal macht es sich hinter uns bequem. Er zieht die Schuhe aus. Im Laufe der nächsten zwei Stunden wird er des öfteren den Platz wechseln und damit für Unruhe sorgen. Das macht er immer so.

Meine Erinnerung an das Kino Babylon ist mit diesem Mann verknüpft. Er kam jeden Tag hierher. Er hat mit Sicherheit keinen Film verpasst. Manchmal blieb er sogar drei Vorstellungen hintereinander. Mitunter hat er dabei nicht nur die Schuhe, sondern auch die Strümpfe ausgezogen. Man kann durchaus sagen, dass seine Heimat das Kino war und seine Geborgenheit die Leinwand. Auf ihr schimmerten russische Märchenfilme und Experimentelles aus dem Béla-Balazs-Studio, lief "Metropolis" mit Klavier- und "Der andalusische Hund" ohne Klavierbegleitung. Es war der einzige Ort in Ost-Berlin, abgesehen von den ausländischen Kulturinstituten, für ungewöhnliche Filme. Mitte der 80er Jahre wurde hier trotz eines Buttersäureanschlags "Stammheim" gespielt, am Tag des Mauerfalls gab es "Der Baum der Wünsche" von dem georgischen Regisseur Tengiz Abduladze. Das war auch der Tag, an dem ich den weißhaarigen Mann zum letzten Mal sah.

Ich habe keine Ahnung, wo er heute ist. Aber auch ohne ihn ist das Babylon etwas Besonderes geblieben. Nicht nur, weil hier in regelmäßigen Abständen Retrospektiven bekannter Filmregisseure oder -schauspieler und eine gute Mischung an Streifen aus Defa, Hollywood, Stummfilm, Ufa und Osteuropa präsentiert werden. Sondern auch, weil das Babylon jungen Regisseuren und Hochschulabsolventen die Möglichkeit gibt, hier ihre Filme zu zeigen. Wie beispielsweise Martin Otting, Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg. Er selbst war früher Stammzuschauer im Babylon, gesponsert durch den Filmvorführer, der ihm rollenweise Freikarten verschaffte. Jetzt kehrt er zusammen mit Thomas Wendrich an den Ort, der ihn prägte, zurück. Sein Film "Landleben" spielt im Sommer 1991 auf einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Delirium, denn für die Alten und Jungen dort scheint die Frage nach dem "Wo kommt das nächste Bier her"? auch nach dem Zusammenbruch der DDR noch die wichtigste zu sein. Das Bier ist alle, und einer muss sterben. Wohl deshalb heißt dieser Filmabend, der nicht zufällig am Tag der Deutschen Einheit stattfindet, "Heimweh und Verbrechen - zwei Filme aus Deutschland".

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