Kultur : Was machen wir heute?: In alte Säcke gucken

Lothar Heinke

Gleich am Eingang ringelt sich in einer Glasvitrine kilometerlanger Tonbandsalat, haufenweise quellen Videoschnipsel aus Plas-tiktüten, zerrissene Briefe und Protokolle füllen Säcke - alles, was vor dem Verfolgungswahn dieses paranoiden Geheimdienstes nicht sicher war, liegt jetzt zerrissen und dennoch erhalten in Papiersäcken. 15 600 wurden in den Stasi-Büros gefunden. In fünf Jahren haben die neuen Besitzer der alten Säcke eine halbe Million papierne Einzelteile wieder zusammengesetzt, eine ungeheure, endlose Schnipseljagd, das größte Puzzle, das es je gab. Aber das alles ist nur der Anfang. Einfacher und vielleicht auch wichtiger sind die originalen Akten, diese Maßnahmepläne, Karten und Befehle, die erhalten geblieben und nun zum Schauobjekt geworden sind: Im Stasi-Museum im früheren DDR-Innenministerium.

In diese "Dauerausstellung des Informations- und Dokumentationszentrums des Bundesbeauftragten" möchte man viel Muße mitbringen; Gelassenheit auch, wenn Wut den Kaffee hoch treibt in diesem Gruselkabinett der Zeit, in und mit der wir zu leben nicht immer das reine Vergnügen hatten. Denn hier sind so ziemlich alle Schandtaten ausgestellt, die sich die 91 000 haupt- und 173 000 nebenamtlichen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zur Erfüllung ihres Auftrags als Schwert und Schild der Partei ausgedacht haben.

Der Besucher erfährt, was er all die Jahre schon immer geahnt hat - die Geheimnisse der Aufhebung des Post- und Fernmeldegeheimnisses, die Wanzenplage im Telefonhörer, die Mikrofone in der Wand, die Ausreisewellen, die "operative Bearbeitung" normaler Mitbürger, der Kampf gegen "die ewige Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah!"; Walter Ulbricht hatte die Musik der Beatles als "geisttötend und lächerlich" bezeichnet, und die Stasi-Leute verordneten "Zwangshaarschnitte" gegen junge Leute mit den Frisuren ihrer Idole. Am verrücktes-ten fand ich die Geschichte, wie die Stasi an den "Individualgeruch von Bürgern" kam: Ein junger Lehrling wurde zu einem Gespräch im Betrieb gebeten, dabei setzte er sich auf einen Stuhl, unter dessen Sitzfläche ein präpariertes Tuch deponiert war, "anschließend wurde die GK abgenommen". GK ist "Geruchs-Konserven-Methode", das Tuch kam in ein Weckglas, so wurde der Individualgeruch bewahrt - im Bedarfsfall konnten "Geruchsdifferenzierungshunde" mit Hilfe solcher Konserven Leute identifizieren.

Prager Frühling, Biermanns Ausbürgerung, die RAF-Stasi-Connection, die generalstabsmäßige Ausspähung der Ständigen Vertretung in der Hannoverschen Straße und die 44 Millionen West-Berliner Passierscheinanträge, die in den fünf Büros von als Postboten getarnten Vorposten des MfS entgegengenommen wurden - von alldem gibt es tiefe Einblicke, Einzelheiten, individuelle Schicksale, Lesestoff für Stunden. Danach ein Wort fürs Gäs-tebuch: "Erschütternd, einfach unglaublich, doch Gott sei Dank Vergangenheit".

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