Was machen wir heute? : In Marmor schwelgen

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

Plümper

Vorbei am Außenministerium zur Werderschen Kirche. Wilhelms (IV.) gotischer Traum, Schinkel hat ihn verwirklicht: die gotisierenden Säulen und Kreuzrippen aus Sandstein, die Trapezfelder mit lebendig-farbigen Klinkern. Alles Täuschung, alles Betrug – alles gemalt! Die Illusion ist allerdings schöner, als die echten Materialien sein könnten. Preußische Sparsamkeit war hier Pflicht.

Der Rentner ist am meisten von den beiden Darstellungen der Königin Luise beeindruckt. Zuerst im Blick des Rentners das Meisterstück Schadows, das Doppelbildnis der Luise und Friederike, noch als Prinzessinnen: jung, anmutig, weiblich, ohne dass es ins Repräsentative, Erhabene geht. Der gehemmte Friedrich Wilhelm III. hat deutlich Schadows erotisches Wohlgefallen bemerkt. „Mir fatal!“ soll er gesagt und die beiden Schwestern in den hinteren Winkel des Berliner Schlosses verbannt haben. Rechts dann das Grabmal Luises von Rauch. Königin Luise nach ihrem Tod, die „preußische Madonna“, 15 Jahre später als Schadows Plastik: Das Gesicht leicht nach links geneigt, scheinbar schlafend, immer noch mit betont weiblicher Körperlichkeit. Der Marmor wirkt ergreifend durch die mitschwingende Todesdarstellung. Und nun ein Skandal: Die Bacchantin auf dem Panther von Theodor Kalide. Eine Frau bietet sich trunken-orgiastisch dem Gott und dem Betrachter an. Kalide war ruiniert, bekam keine Aufträge, wurde in die Provinz abgeschoben. Es erhob sich ein Sturm der Empörung; die Skulptur sei die „unzüchtigste aller Nuditäten“ las man.

Als die Bomben die Nationalgalerie zerstörten, wurde die Bacchantin zum Torso, so wie der Rentner sie heute sieht. Ein Foto zeigt sie 1945: Neben Trümmern liegt sie dort kurioserweise dicht neben Schadows klassizistischem Grabmal für das illegitime Kind Friedrich Wilhelms II., des „dicken Lüderjahns“, mit seiner Maitresse. Letzteres ist restauriert, die Bacchantin bekam durch die Zerstörungen der Bomben eine neue Aura.

Friedrichwerdersche Kirche, Mitte. Zu Kalide: Maaz: Sinnlichkeit und Kunst, Berlin 2004

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