Kultur : Was machen wir heute?: Ins Grüne gehen

Anne Kemper

Ein harmloser Ausflug ins Grüne sollte es werden, in den Treptower Park, direkt an der Spree. Ich denke an die einsame Ruhe der Hamburger Elbparks und mache mich auf den Weg. Vorbei am Ostkreuz, neben dem "Frisör für den Herrn", dessen Rolladen in den verrosteten Fensterrahmen schon lange geschlossen sind; in der Imbissbude "Wurstland" stapeln sich die Wiener, zu Pyramiden aufgestellt. Links liegt das alte Glaswerk Stralau, auf rostigroten Buchstaben sticht der Werksname in den blauen Himmel, gleich um die Ecke ist die Redaktion des "Neuen Deutschlands". Nun noch über die Spree und nichts wie hinein ins Grüne.

Gegenüber der kleinen Uferpromenade stehen rostige Kräne, eine Miniaturversion der Elblandungsbrücken mit dem Charme des Ruhrgebiets. Gleich fühle ich mich heimisch und schlendere im Strom der Flaneure vorbei an Brandenburger Sülzeständen. Auf den Bänken sitzen Paare, bestenfalls treffen sich ihre starren Blicke irgendwo am anderen Ufer, am First eines Lichtenberger Mietshauses. Zwei dünne Herren in fliederfarbenen Bolerojäckchen hinter einem Keyboard verheißen nichts Gutes, noch machen sie Pause, vorsichtshalber gehe ich einen Schritt schneller.

Ich habe Durst. Die Holzbänke des Cafés "Eierschale" sind überfüllt, die Apfelschorle ist riesig. Ich wage den Blick über den Pappbecherrand. Vorn an der Bühne spielt der DJ mal Walzer, mal Wolfgang Petry, immer im Takt wiegen gelockte Damen ihre schwingenden Faltenröcke. Ich schiele nach links, ein Burger King im Park, bunte Fähnchen und Fast Food-Geruch. Mein Blick senkt sich in den Becher, der ist leer.

Über eine pittoreske Brücke laufe ich zur "Insel der Jugend" und lasse mich auf einer grünen Wiese nieder, von Bäumen umgeben, die Spree ist blau und die Musik vergessen. Dann kracht es im Geäst. Wie in Zeitlupe bricht ein riesiger Ast ab, fällt auf den Weg, ein paar Leute retten kreischend sich und buntkarierte Picknickdecken. Gleich ist es wieder ruhig, nur ein Baum am Ufer hat ein großes Loch in seiner Mitte, fast die Hälfte ist einfach weggebrochen. Ich werde misstrauisch, der Park ist mir suspekt, gerade Wolfgang Petry überlebt, schon ein nächster Anschlag. Nein, ich will weg, auch die Chill-Ecke, in der hippe Eltern bei Trip Hop entspannen, während ihre Kinder im Uferschlamm toben, stimmt mich nicht um. In der "Eierschale" läuft Petry, sicher immer noch die gleiche Single.

Die Puschkinallee durchschneidet den Park, auf der anderen Seite steht das sowjetische Ehrenmal. Heute sieht es aus wie eine gigantische Sonnenuhr, ein paar Menschen liegen im Schatten des unumstößlichen Soldaten auf dem Grabhügel, die müssen bestimmt jede Stunde dem Schatten nachziehen, aber wenigstens können sie nicht von Ästen erschlagen werden. Der Schatten wird länger, ich gehe zum Ostkreuz zurück. Ich glaube, abends bin ich ins Kino gegangen, den Namen des Films habe ich vergessen. Das Drehbuch dieses Nachmittags war einfach nicht zu schlagen.

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