Was machen wir heute? : Klingeln

Robert Ide

In Berlin wird einem alles geklaut. Zuerst das Fahrrad, und dann, wenn man sich ein neues gekauft hat (mit Versicherung und doppeltem Schloss) die Anstecklichter und die Klingel. Vielleicht montiert die Klingel gerade jemand an mein geklautes Fahrrad.

Eine Klingel braucht man in Berlin als Fahradpendler. Zumindest wenn man durchs Brandenburger Tor fahren möchte und versuchen muss, den Touristenattraktionen auszuweichen: Kindern, die Mauerstücke mit Echtheitszertifikat verkaufen; Männern mit US-Soldatenuniform und Fahne; Frauen, die wie Marylin Monroe geschminkt sind und mit einem weißen Kleid über dem U-Bahn-Schacht stehen. Die Klingel sollte auch einen lauten Klang haben. Sonst übertönt sie die Leierkästenmänner nicht.

Wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre, befällt mich das Gefühl, nicht draufgängerisch genug zu sein. Die Touristen klingele ich noch locker aus ihrem Trott, aber mancher Berliner Fahrradfahrer macht mir Angst: Ältere Herren in Radlerklamotten eilen an mir vorbei, machmal auch die Jungs in Designeranzügen – sie müssen sich was beweisen, tröste ich mich dann. Vorgestern aber überholte mich eine hochschwangere Frau. Sie musste dafür noch bei Gelb über die Kreuzung rauschen. Das arme Kind, dachte ich und blieb stehen. Die ganze Ampelphase ärgerte ich mich aber, dass ich nicht schneller war.

Mir geht es wie es den Fahrern beim olympischen Straßenrennen gehen muss: Warum vernünftig sein und nicht dopen, dafür aber abgehängt werden? Warum nicht mit Karacho vorneweg und was riskieren – meinetwegen auch die Unversehrtheit von Marilyn Monroe? Ja, denke ich mir in den Momenten meiner sportlichen Niederlagen im Berliner Stadtverkehr: Ich sollte draufgängerischer werden. Gestern Nacht habe ich geträumt, dass ich ein Fahrrad klaue. Ich könnte ja mal mit einer Klingel anfangen. Robert Ide

Laute Fahradklingeln gibt’s bei „Wheels of Steel“, Stargarder Straße/Ecke Dunckerstraße.

0 Kommentare

Neuester Kommentar