Was machen wir heute? : Lesen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann.

Jochen SchmidtD

Als Schüler habe ich hier viele Abende verbracht, um für eine sogenannte Facharbeit zu recherchieren, die jeder im Lauf der Abiturzeit schreiben musste. Ich war einer der jüngsten Bibliotheksbenutzer und hatte Angst, etwas falsch zu machen. Mit einem feierlichen Gefühl betrat ich immer den Katalograum, um mich meinen Forschungen zu widmen. Jede Karteikarte stand für ein Buch, dessen Geheimnis man kennenlernen konnte, wenn man es nur bestellte. Meine Mutter hatte als Studentin Karteikarten für den Katalog beschriftet, in ihrer mir so vertrauten Schrift, und ich erwartete immer, auf eine davon zu stoßen. Welches Buch der Vorgänger gesucht hatte, sah man an der Karte, die im Kasten noch aufgeschlagen war. Es war meistens verlockender als das Buch, das man selbst suchte.

Hinter den Mitarbeitern am Bestellschalter führte ein Schienensystem in den Bauch der Bibliothek, wo die Bücher von unsichtbaren Geistern herausgesucht wurden. Ich suchte mir einen Tisch im Lesesaal, in den man durch die Scheiben des Katalograums sehen konnte wie in ein Aquarium. In der ersten Reihe saß immer der Junge mit der Hasenscharte und blätterte murmelnd einen Stapel Eisenbahner-Zeitschriften durch. Die Zeitschriftenabteilung: dass es für jedes Interesse eine Spezialzeitschrift gab! „Lärmbekämpfung. Zeitschrift für Akustik, Schallschutz und Schwingungstechnik“. Wenn die Bibliothek schloss und ich als einer der Letzten ging, trat ich stolz auf die Straße, noch ganz benommen von meiner Detektivarbeit.

Die würfelförmige Holzuhr im Lesesaal ist noch dieselbe wie damals. Aber die Anordnung der Tische ist geändert worden, man hat sie um 90 Grad gedreht. Ist das der Fortschritt? Statt Karteikästen gibt es für die Katalogsuche jetzt Computerbildschirme. Damals war ich in alle Mitarbeiterinnen verliebt. Heute lese ich Eisenbahner-Zeitschriften. Jochen Schmidt

Berliner Stadtbibliothek, Breite Straße 30-36 in Mitte, Mo-Fr 10 - 20 Uhr, Sa 10 - 19 Uhr.

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