Kultur : Was machen wir heute?: Liebesspiele inszenieren

Britta Wauer

In letzter Zeit muss ich in meinem weiblichen Bekanntenkreis ein erhöhtes Liebesbedürfnis feststellen. Allerorten sprechen die Freundinnen von großen Enttäuschungen und neuen Sehnsüchten. Der Richtige ist noch nicht gefunden, aber ein paar Möglichkeiten sind in Sicht. Nächtelang wird erörtert, wer, warum am besten zu einer passen mag. Praktisch lässt sich das gerade schwer überprüfen. Schließlich herrscht Winter und damit Eiszeit der Gefühle. Verlieben ist bekanntermaßen erst wieder im nächsten Frühling angesagt.

Wer so lange nicht mehr warten will, muss sich selbst zu helfen wissen. Die beste Möglichkeit sich anzunähern, so behauptet eine gute Freundin, sei körperliche Aktivität. Zum Beispiel beim Umzug eines gemeinsamen Bekannten. Hier kann man nicht nur mit der eigenen Geschicklichkeit und Stärke prunken, sondern sich auch helfen lassen. Bei besonders schweren Kisten ergibt sich das praktisch von allein. Einmal ins Schwitzen gekommen, sind erotische Gefühle nicht mehr weit.

Das beweist auch folgende Anekdote, die mir einmal ein Dramaturg erzählte. Zwei Schauspieler, Mann und Frau, die sich zuvor noch nie begegnet waren, sollten an ihrem ersten gemeinsamen Drehtag eine heiße Liebesszene spielen. Beide warteten etwas verkrampft in ihren Bademänteln, darunter nackt, auf ihren Einsatz. Als der Regisseur den Set betrat, konnte er eine frohe Botschaft überbringen: das Drehbuch sei geändert, die Bettszene gestrichen. Stattdessen werde jetzt folgende Trennung gedreht: Der Mann wolle seine Frau verlassen, die aber müsse versuchen, das mit aller Macht zu verhindern.

Sichtlich erleichtert spielten beide Darsteller die neue Szene, der Mann packte seine Koffer, die Frau verstellte ihm den Weg, er drängte an ihr vorbei und wurde handgreiflich, sie schlug zurück, er hielt sie fest. Mitten im Kampfgeschehen rief der Regisseur: "So, nun runter mit den Klamotten, ab ins Bett und Action!" Natürlich war das den Schauspielern gegenüber gemein, aber Hemmungen hatten sie jetzt keine mehr und der Regisseur bekam eine leidenschaftliche Szene geliefert. So einfach funktioniert erotische Aufheizung.

Leider hat man nur in den seltensten Fällen einen gemeinsamen Bekannten in der Nähe, der gerade für Umzüge oder Dreharbeiten die passenden Statisten sucht. Deshalb muss man selbst aktiv werden und zwar dort, wo man auch zu dieser Jahreszeit prächtige Männerkörper zu sehen bekommt: in der Schwimmhalle im Thälmannpark. Seit der Wiedereröffnung ist das Becken in Edelstahl gefasst und zusätzlich von innen beleuchtet. Wenn man dort mit Taucherbrille ins Becken steigt, lassen sich ganz ungeniert elegante Körper unter Wasser betrachten, die wie in einem Werbespot funkelnd und perlend an einem vorbeiziehen. Na, und dann muss man eben einen kleinen Badeunfall inszenieren.

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