Was machen wir heute? : Loslassen

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Für Timmy, fast zwölf, geht die Grundschulzeit zu Ende. Er ist kein Kind mehr, sondern ein Jugendlicher und braucht ein Jugendzimmer. Da er aber gleichzeitig jugendlich faul ist, sollen die Eltern am Samstag alleine zu Ikea fahren und coole Sachen besorgen. Klar, machen wir. Als wir zurückkommen, ist nur noch der kleine Bruder da. „Timmy ist schwimmen gegangen“, sagt er. Mit wem, wohin? Weiß er nicht. Wir aber wissen: Jugendliche muss man loslassen. Ein zaghafter Handy-Versuch. Wo bist du? „Wir sind im Prinzenbad!“ Aha? Das sind von uns aus elf U-Bahnstationen mit Umsteigen. Mit wem er denn unterwegs sei, wagen wir zu fragen. Mit einem Freund, den wir nicht kennen.

Stunden später ist das Kind immer noch weg. Per Handy erinnern wir daran, dass wir abends gemeinsam essen gehen wollten. Wo bist du? „Wir sind skaten auf dem Alexanderplatz!“, ruft er. „Gerade hat die Polizei einen Punk weggebracht, der ist zusammengeschlagen worden und war ganz blutig!“ Interessant, sage ich, und denkst du ans Essen? Klar, ich komme direkt ins Restaurant!

Bevor wir bestellen, rufe ich erneut an. Wo bist du? „Wir sind in einer Galerie in Mitte!“ Diese Information schockiert mich. Seit wann interessiert sich das Kind für Kultur? Wer hat es einer derart heftigen Gehirnwäsche unterzogen, dass es sich in eine Galerie begibt? Nun mache ich mir ernsthaft Sorgen. Deprimiert essen wir unsere Pasta und warten auf das Kind, das „jetzt gleich in die U-Bahn steigen“ will. Alleine, begleitet? Wer weiß es. Die Pasta ist alle, es ist 21 Uhr, wir zahlen.

Hinterher erfahren wir, dass der Papa des Freundes ein Atelier im Tacheles hat. Die drei haben verabredet, dass Timmy in den Ferien mit nach Sizilien kommt. Na schön! Ich hoffe mal, dass wir den Freund samt Papa bis dahin kennenlernen - und dass uns während der Ferien keine schockierenden Anrufe ereilen werden („Wir sind in China!“, „Wir sind im Museum!“). Wo bist du, Kind, das du mal warst? Auf dem Mond? Dorothee Nolte

Ratgeber wie der von Jan-Uwe Rogge („Pubertät – Loslassen, Halt geben“) helfen.

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