Kultur : Was machen wir heute?: Märkte vergleichen

Rainer Hank

Es gibt Kollegen, die fahren jetzt nach Palma de Mallorca, um in der Fischhalle am Ende der Placa Olivar einzukaufen. Da liegen sie, die kleinen und großen, glitschigen und schuppigen Fische, von denen kein Nordländer einen Namen weiß, deren Geruch aber noch Wochen nach dem Urlaub nicht aus der Nase will. Wer hier bleibt, ist in der Markthalle am Marheinekeplatz auch nicht schlecht aufgehoben. Dort geht es zwar wesentlich ruhiger zu als an den Handelsplätzen des Südens. Aber für den Alltag ist das auch schonender.

Die Marheineke-Markthalle ist ein Platz, der nicht nur Früchte, Fleisch, Käse und Gemüse hat, sondern sozusagen fast alles, was man eben so braucht im Leben. Besonders hat es uns jener Haushaltswarenstand angetan, an dem wir die Luftbefeuchter für den Heizkörper und die Löffel für die Frühstückseier gefunden haben. Und der kleine Biobäcker zwei Gänge weiter verkauft nicht nur vorzügliche Croissants, sonderen auch jenes wohlschmeckende Müsli aus Amaranth (das sei ein Korn der Inkas, sagt die Verpackung), dem auf meiner persönlichen Müsli-Skala seither der Platz Eins gebührt. Gegenüber befindet sich, apropos Bio, ein Neuland-Metzger, dem wir den Zulauf der Kunden seit der BSE-Krise von Herzen gönnen.

Weil das aber keine Feinkost-Kolumne, sondern ein Tagestipp ist, will ich jetzt nur noch die Antipasti des Italieners am West-Eingang anpreisen, um dann daran zu erinnern, dass sich aus der Marheineke- Halle (Baujahr 1892) auch soziologisch, kulturhistorisch und literarisch etwas machen lässt. Soziologisch kann man hier das Milieu des feineren Kreuzberg erforschen: Das sind jene Altassistenten mit den universitären Langzeitverträgen, die schon immer hier wohnen, und jene Neu-Berliner Verleger und Journalisten, die erst vor kurzem nach "61" gezogen sind, weil es kaum einen zentraleren Stadtteil gibt. Kultur- und architekturhistorisch entsprang die Marheineke-Halle jener Markthallenbewegung aus Glas, Klinker und Gußeisen der Jahrhundertwende, die gebaut wurden, um die wachsende großstädtische Bevölkerung zu versorgen und zugleich dem überschaubaren Kiez seine Einheit zu geben. Literarisch hat die "Neue Zürcher Zeitung" unlängst empfohlen, das Markthallen-Berlin mit Walter Benjamins "Berliner Kindheit" zu erobern.

Für Pendler zwischen Berlin und Frankfurt ist übrigens ein innerurbaner Vergleich zwischen der Markthalle am Marheinekeplatz und der Kleinmarkthalle zwischen Hasengasse und Liebfrauenstraße in der Frankfurter Mitte aufschlussreich. Verständlich, dass man die Kräuter zur Grünen Soße nur in der Frankfurter Halle erhält. Aber wie kommt es, dass das Frankfurter Käse-, Gewürz- oder Fischangebot nicht nur differenzierter, sondern auch unverschämt teurer ist? Ein Freund wagte kürzlich einen Erklärungsversuch: Das liege daran, dass Frankfurt kein KaDeWe und kein Lafayettes habe. Der Test hat funktioniert: Die Leute in der Frankfurter Kleinmarkthalle sehen ungefähr so aus wie die Menschen im KaDeWe.

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