Kultur : Was machen wir heute?: Polnisch versagen

Katja Hübner

Szczecin Gumience, Gliwice, Zabrze, Myslowice. "Wenn ich mit dem Zug durch Polen fahre, klingt jeder Bahnhofsname für mich wie Nietzsche", hat Durs Grünbein einmal gesagt. Tatsache ist, dass die polnische Sprache, wie kaum eine andere, über eine extrem hohe Konsonantendichte verfügt. Jedes Wort ein Zungenbrecher. Ob Zbigniew Cybulski oder Daniel Olbrychski - selbst bei bekannten Schauspielernamen scheitert der deutsche Laie an der richtigen Sprechweise. Sichtlich bemüht, sein Bestes zu geben, bringt er zunächst mit eingezogenen Wangen ein durchgestrichenes L hervor, verliert den Faden beim rollenden R, dental gesprochen mit flatternder Zungenspitze, um danach bei einer Häufung von Zischlauten wegen drohender Mundstarre gänzlich aufzugeben. Polnische Sprache, schwere Sprache.

Glücklicherweise tun sich unsere Nachbarn mit der deutschen Sprache weniger schwer. Man könnte sogar durchaus behaupten, sie sind ihr manchmal besser mächtig als wir selbst. Noch nie habe ich so ein gut deutsch sprechendes Volk kennen gelernt wie die Polen. An den Berliner Universitäten halten sie mühelos Vorträge über die deutsche Geschichte, dissertieren zu Bertolt Brecht und Thomas Mann oder promovieren über die wohnungspolitische Lage in den neuen Bundesländern.

Aus diesem Grund ist es ziemlich merkwürdig, dass es jetzt einen Verein gibt, der sich "Polenmarkt. Bund der polnischen Versager e. V." nennt. Zumal die Mitglieder für mich alles andere als Versager sind. Es sind polnische Künstler und Literaten, die eine Kommunikation zwischen Menschen fördern wollen, die sich im weitesten Sinne schöpferisch betätigen. Sie betreiben einen großen Laden in der Mitte Berlins und zelebrieren dort einigermaßen bizarre Veranstaltungen. Sie widmen sich der Dichtung und anderen Künsten. Sie unterhalten ihr Publikum mit polnischer Musik. Sie bringen regelmäßig die Zeitschrift "Kolano" (Das Knie) heraus. Und trotzdem fühlen sie sich geringgeschätzt, übersehen oder gar verachtet. Selbstmitleid oder Provokation? Wirkliches Denken oder Koketterie?

"Dziwny jest ten swiat" (Sonderbar ist diese Welt), hat der polnische Sänger Niemen - mit bürgerlichem Namen übrigens Czeslaw Wydrzycki - einst geträllert und mit diesem Lied große Erfolge gefeiert. Des Öfteren ist es beim "Bund der polnischen Versager" zu hören. Denn sonderbar ist die Lage der Polen schon. Ein Land zwischen zwei Welten. Ein Tal zwischen Russland und Deutschland. Nicht mehr östlich und noch nicht westlich. Aber auf dem besten Weg der Anerkennung. Trotz gewisser Selbstzweifel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben