Was machen wir heute? : Schlingelpflanzen bekämpfen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Dorothee Nolte

Doppeltes Jubiläum: Timmy wird zehn, und zehn Jahre lang sind wir Laubenpieper. Unser Garten liegt fast am Ku’damm und nah an unseren Herzen, aber er soll weg, so will es der Liegenschaftsfonds. Schon vergangenes Jahr wurde der Kolonie gekündigt. Aber ein kleines Häuflein von Aufrechten hat drei Prozesse gewonnen und deshalb sitzen wir vorerst immer noch unter Apfelbäumen, trinken Kaffee und bekämpfen unsere „Schlingelpflanzen“ (O-Ton Lucas für Schlingpflanzen).

Andere Pächter haben, gelockt von der Entschädigungssumme, ihre Gärten verlassen, und dort wuchert und wächst und schlingelt es vor sich hin, als wollte die Stadtnatur hier ihre ganze Kraft beweisen. Beim „Langen Tag der Stadtnatur“ am gestrigen Sonntag war unsere Kolonie daher auch ein Programmpunkt. Als „Gartenretter bei der Arbeit“ waren wir auf Seite 54 des Programmhefts angekündigt, „Gartenretter beim Kuchenverkauf“ wäre korrekter gewesen, aber egal: Wir lieben unsere Schlingelpflanzen, und wir werden weiter für sie kämpfen. Lucas bewirft hier seine Freunde mit unreifen Äpfeln, während Timmy den Moonwalk übt, nach einem Lehrvideo aus Youtube: Stadtnatur pur.

Timmy jedenfalls wird zehn, und der Garten ist zu klein, um dort zu feiern. Wir planen ein Fest an einem anderen Wallfahrtsort der Stadtnatur, im Strandbad Wannsee. „Diesmal“, folgerte Lucas messerscharf, „haben wir beim Geburtstag das Thema Wasser!“ – „Thema!“ schnaubte Timmy verächtlich. „Du sprichst ja schon ganz sachunterrichtlich!“ Lucas ist am Ende seines ersten Schuljahrs und schreibt nur positive Sätze in sein Tagebuch wie „Heute war es in der schule tol, weil wir in froschheft gearbeitet haben“, „heute Binn ich mit dem Tinto-Ortner fertik geworden das ist toll.“ Für mich repräsentiert der naive Lucas die Natur, der abgeklärte Timmy die Stadt. Wir sind Stadtnatur! Und Kolonie Württemberg bleibt. Dorothee Nolte

Stadtnatur: In der Kolonie Württemberg (Württembergische Straße in Wilmersdorf, www.gaerten-retten.de) und im Strandbad Wannsee.

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