Was machen wir heute? : Schlüssel verlieren

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Verena Friederike HaselD

Vom neuen Jahr wünsche ich mir nur eins: dass alle Schlüssel, die in meinem Besitz sind, auch in meinem Besitz bleiben. Mit der aktuellen Schlüsselverlustquote macht das Leben keinen Spaß, ja, ich komme kaum noch zum Leben, weil ich unentwegt mit Wiederbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt bin. Gerade erst brauchten wir einen neuen Briefkastenschlüssel, nun wer de ich schon wieder mein Fahrrad aufbrechen lassen müssen. Hausschlüssel haben wir vor einem halben Jahr sechs bekommen, übrig sind drei. Wenn sich das fortsetzt, ist es zumindest warm, wenn wir draußen zelten müssen.

Ohne jede Arroganz kann ich sagen, dass wir so eine Meisterschaft entwickelt haben, dass wir das schnöde Verlustszenario mitunter aufbrechen: schlüsseldekalog at night 04 hieß eine Aufführung, die wir neulich gaben. Wir kamen von einem Essen, und mein Freund warf den Schal mit so einem Schwung nach hinten, dass er dabei den Schlüssel, den er ebenfalls in der Hand hielt, unters Auto beförderte. Da wir – unter den Wagen gekrochen – versuchten, mit dem Mobiltelefon auszuleuchten, wo der Schlüssel hingeraten war, riefen wir dabei versehentlich noch mehrere Leute an.

Warum ich an dieser Stelle von „Curry 36“ anfange, ist zunächst nicht einzusehen, am Ende ist die Verbindung zwischen Schlüsselverlust und Wurstgenuss aber begreiflich, also bitte Geduld. Es begab sich, dass ich eine Nacht lang bei Curry 36 bediente, ich lernte viel, eine neue Sprache („Pommes Schranke, bitte“), eine gewisse Direktheit. „Ist das Fritzi Haberlandt?“, fragte ich meine Lehrmeisterin und zeigte auf eine Frau mit Kapuze, die Pommes aß. „Kennicknich“, sagte sie, „aber warte.“ Sie drehte sich um, „Fritzi“ brüllte sie, über alle Köpfe hinweg. Die Person im Kapuzenmantel zuckte zusammen, wie ertappt. Meine Lehrmeisterin drehte sich befriedigt zu mir. „Isse. Musste einfach nur fragen.“ Nach der Schicht schenk te sie mir ein Curry-36-Schlüsselband, das mich 2009 immer begleiten wird. Verena Friederike Hasel

Curry 36, Mehringdamm 36, hat nicht nur Würste

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