Kultur : Was machen wir heute?: Schnell was essen

Matthias Kalle

Mein Leben war, bevor ich nach Berlin zog, eine Katastrophe - zumindest kulinarisch. Ich ernährte mich schlecht und einseitig und in den amerikanischen Fast-Food-Restaurants Münchens begrüßten mich die Geschäftsführer mit Handschlag. Aber wenn ich es mir gut gehen lassen wollte, dann zahlte ich Unsummen in so genannten Spitzenlokalen. Und falls ich nach elf Uhr abends noch Hunger hatte, musste ich bis zum nächsten Morgen warten - es gab nichts mehr zu essen, nirgendwo.

Jetzt esse ich bis spät in die Nacht manchmal Dinge, von denen ich noch nie etwas hörte, Fleisch von Tieren, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Und das beste: dafür zahle ich so gut für nix und schnell geht es auch, denn seit ich in Berlin lebe, esse ich nur noch an Imbiss-Buden.

Ja ja, Imbiss-Buden, ich weiß. Was muss ich bloß für ein Mensch sein, dass ich mich über so was freue? Aber der Berliner sollte bedenken, dass diese Auswahl, diese Vielfalt, nicht die Regel ist, Ausnahme. In München gibt es ja keinen Döner und falls man dort doch mal eine Bude findet, kostet das Ding sieben Mark und schmeckt nach nichts. Aber hier ist das Schlaraffenland des schnellen Genusses und für sieben Mark gibt es nicht nur einen Döner, sondern auch anderthalb Dosen Becks-Bier dazu.

Nachdem ich in Kreuzberg jeden Dönermann getestet hatte, fuhr ich zum Bagelessen nach Prenzlauer Berg, von da aus ging es weiter zu den Chinesen in Mitte, dann zu den Treptower Currywürsten. Auf meinen Wegen durch die Stadtteile Berlins besuchte ich noch Inder und Spanier, einmal hielt ich sogar an einer Suppenküche, aber das was sehr deprimierend, denn ein 20-jähriger Turnschuh- und Anzugträger erzählte mir während er unappetitlich seine Suppe löffelte, dass das mit seiner Ausstellung wohl nichts werden würde. Nun ja.

An ordentlichen Imbiss-Buden trifft man hingegen meistens auch ordentliche Menschen, die entweder gar nicht reden und wenn doch, dann wenigstens interessante Geschichten erzählen: Bei Doyum-Döner am Kottbusser Tor sagte einer zu mir: "Wenn Du mir zwanzig Mark gibst, dann fahr ich mit dem Moped in die Spree." Ich sagte, dass könne er doch nicht machen und er fragte: "Warum nicht?" Am nächsten Tag traf ich ihn dort wieder und er sagte: "Wenn Du mir zehn Mark gibst, dann fahr ich mit dem Moped in die Spree." Als ich gehen wollte schrie er: "Okay, fünf Mark!" Dann lud ich ihn auf einen Döner ein, und seitdem will er nicht mehr mit dem Moped in die Spree fahren.

Menschen, die länger in Berlin leben, prophezeiten mir, dass mein Hochgefühl bald vorbei sein wird. "Irgendwann", sagte ein Alt-Berliner, "kannst Du keine Falafel mehr sehen und die Currywurst kommt Dir aus den Ohren". Als er das sagte, wurde ich ein bisschen traurig und bestellte mir einen Döner. Mit Knoblauchsauce. Und Salat mit allem.

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