Was machen wir heute? : Schönsten begegnen

Britta Wauer

Die Franzosen sind in Berlin, die schönsten seien es, behauptet die Neue Nationalgalerie und schon rennen überall Touristen mit Tüten und Zetteln in blau-rot-weißem Luftpost-Layout herum: Seht, ich war da!

Wie immer, wenn eine Sache mit viel Tamtam abläuft, fühlen sich diejenigen herausgefordert, die nicht so viel Geld fürs Marketing haben. Ein kleiner Schuhladen in der Neuen Schönhauser hat seine neuesten Ballerinas im Schaufenster drapiert und darüber geschrieben: „ ... und die schönsten Italiener sind hier!“

Etwas weiter, in der Oranienburger Straße, unter der goldenen Kuppel der Neuen Synagoge, ist derzeit auch eine Ausstellung zu sehen, die mit allem Recht behaupten könnte, die schönsten Juden auszustellen – aber weil das missverständliche Assoziationen wecken würde, kommt so ein Titel nicht infrage. Zu sehen sind die beeindruckenden Werke des Berliner Künstlers Hermann Struck, den heute kaum noch einer kennt. Vor hundert Jahren war er ein hoch geschätzter Mann, der große Meister der Lithografie und eine Instanz, wenn es um Radierungen ging. Marc Chagall, Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann nahmen bei ihm Unterricht. So viele Menschen fragten ihn um Rat, dass er in seinem Atelier mehrere Konsultationsräume einrichtete, in denen er Besucher der verschiedenen Kategorien empfangen konnte: Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Theaterleute, Musiker, Rabbiner, Zionisten, Schnorrer. Was sie an Strucks Werken so fasziniert hat, spürt man sofort, wenn man die Ausstellung betritt. Neben den Landschaftsbildern, die auf Reisen entstanden, begegnen einem an den farbenfrohen Wänden auch viele Bekannte: Porträts von Henrik Ibsen, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Albert Einstein und Oscar Wilde. Struck war mit allen befreundet oder zumindest bekannt. Unbedingt ansehen! Britta Wauer

„Hermann Struck“ bis 19. August im Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28-30, Telefon 88 028 415.

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