Was machen wir heute? : Sterne sehen

Verena Friederike Hasel

Meine erste Berührung mit Sex waren zwei Brüste mit Sternen auf violettem Grund. Ich sah sie auf dem Weg zum Geigenunterricht und wenn ich zur Bücherei ging. Ich wusste nicht genau, was ich da eigentlich sah, ich wusste nur, dass es für mich nichts war, dieses Plakat mit der Aufschrift „Big Sexyland“ und der Frau, die nichts anhatte außer Sternen auf der Brust und Handschuhe bis zum Ellenbogen. Und so warf ich nur Seitenblicke, wenn ich mit meiner Geige, meinen Büchern vorbeiging, und fragte mich, ob das Erwachsensein bedeutete – solche Sterne und so ein Blick unter blonder Toupiermähne hindurch. Heute bedeutet das Plakat für mich eine Zeit, die vergangen ist, Kindheit in Westberlin mit Ahnungen des Verbotenen. Dazu passt, dass man das Plakat, mit dem der Schöneberger Peepshow-Laden „Big Sexyland“ seit 1984 warb, nicht mehr sieht. Es hat lang durchgehalten – ich hatte meinen ersten Freund, es hing, ich ging nach England, kam zurück, es hing, selbst auf dem Weg zur Uni fuhr ich an ihm vorbei. Da interessierte es mich aber nicht mehr, es fiel mir erst wieder auf, als es wie eine Art Leere im Augenwinkel mit einem Mal in der Stadt fehlte.

Als wir neulich durch die Martin-Luther-Straße fuhren, entdeckte ich den Laden zum Plakat. Ich ging hinein, fast erwartete ich die Plakatfrau, stattdessen fand ich eine Frau am Tresen, die jünger war als ich und noch nie von dem Plakat gehört hatte. Nun habe ich nachgelesen, telefoniert und habe erfahren, dass die Abgebildete und der Fotograf vor einigen Jahren eine Nachzahlung erwirkten, weil man so lange erfolgreich mit dem Foto warb und sie damals nur 500 beziehungsweise 2500 Mark bekommen hatten. Der Bestsellerparagraf, seit 2002 in Kraft, ermöglichte dies. Das „Big Sexyland“ stellte die Werbung daraufhin ein, diesen Wunsch hatte die Abgebildete schon lange gehabt. Zuletzt hörte man von ihr, dass sie auf Gran Canaria lebe, dort, wo nicht jeder ihre Brust mit den Sternen drauf kennt. Verena Friederike Hasel

Wer sich das „Big Sexyland“-Plakat beizeiten gesichert hat, möge sich glücklich schätzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar