Was machen wir heute? : Tagebuch führen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Dorothee NolteD

In zwei Wochen ziehen wir um, da heißt es entrümpeln: alte Briefe, Bücher, Bettlaken, alles muss weg. Manchmal fürchte ich, dass ich unser Gedächtnis entsorge. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass wir einen Chronisten in der Familie haben: Lucas muss auf Geheiß seiner Lehrerin Tagebuch führen. Jeden Tag zwei, drei Sätze.

Am Anfang erledigte er seine Aufgabe nur pflichtschuldig: Ein Satz beschrieb, was er getan hatte, der zweite lautete stereotyp: „Es war schön.“ Beim Leser entstand der Eindruck eines permanent glücklichen Kindes – aber die Lehrerin war nicht zufrieden. Inzwischen sind seine Eintragungen differenzierter. Eine große Rolle spielt der Schulalltag, von größeren Abenteuern („Heute hate ich mich in der Schule ferirt“) über kleinere Begebenheiten („Heute muste ich einem 3.Klesler erkleren, was eine Birke ist“) bis hin zu den Reparaturarbeiten des Hausmeisters („Heute ist Herr Wegner am Fenster rumgekletert“).

Aber unser Chronist hält auch Familienereignisse fest („Heute war Omas geburztag“), seinen Gesundheitszustand („Ich bin krang. Das ist blöd“) und seine Aktivitäten („Heute habe ich schön Klavier geüpt“). Natürlich gibt es auch ereignislose Tage: „Heute habe ich nichts erlept.“ Aber sind nicht auch Kleinigkeiten erwähnenswert? „Heute habe ich bei Marcellus ein Nutellerbrötchen gegessen“.

Unseren Wohnungswechsel hat Lucas genau dokumentiert. „Heute waren ganz file leute bei mir zuhause“ (die potenziellen Nachmieter), „heute war die Märktlerin da“ (die Maklerin). Zum Umbau der neuen Wohnung hat er auch beigetragen: „Ich sollte Negell holen“. In den letzten Tagen kündigt sich in Lucas’ Tagebuch der Frühling an („Es war heute 15 bis 16 grat.“) Alles in allem finde ich, dass wir uns über unser Leben nicht mehr merken müssen als das, was er für uns festhält. Solange wir sein Tagebuch behalten, kann der ganze Rest weg. Dorothee Nolte

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