Was machen wir heute? : Tourist sein

Stephan Wiehler

Auf der Schlesischen nachts um halb eins, ob du’n Bierchen hast oder hast keins … Im Kreuzberger Vergnügungsviertel am Spreeufer haben wir uns an lange Nächte gewöhnt; die jungen Touristen, die sich jedes Wochenende nach Einbruch der Dunkelheit über die Bürgersteige durch unseren Kiez wälzen, bestätigen uns, dass wir in einer töften Weltstadt wohnen. Dass grölende Horden den Schlaf unserer Kinder stören, oder unser britischer Nachbar, der fast nie zu Hause ist, seine Wohnung mal wieder Freunden aus der internationalen Kreativszene als Partyzone überlassen hat, gehört ebenso dazu wie die morgendlichen Scherbenhaufen vor der Haustür. Abgesehen von ein paar Spießern aus der linksautonomen Szene, die den Touris den Kampf angesagt haben, kommen wir mit unseren Gästen gut klar. Man könnte sagen, die Globalisierung stärkt unsere Fähigkeit zu Toleranz und Gelassenheit.

Das erleichtert den Zugang zu fremden Welten, wenn man selbst mal als Tourist in der Stadt unterwegs ist. Am vergangenen Wochenende war ich mit meinen Kindern auf dem Fernsehturm. Manches hat sich auch hier in den letzten 20 Jahren verändert. Im Foyer gibt es EC-Karten-taugliche Ticketautomaten und servicefreundliche Lautsprecherdurchsagen: „Wenn Sie jetzt ein Ticket kaufen, beträgt die Wartezeit 40 Minuten.“ Aber beim Personal hat man sich bemüht, den ausländischen Besuchern noch etwas vom Flair der Hauptstadt der DDR zu bewahren.

Wer als Barzahler in der falschen Schlange steht, erfährt von der Kassenfrau: „Hier nur Souvenirs. Für Tickets müssen Sie sich drüben anstellen.“ Im Himmel ist der Sozialismus noch real: Wer aus der Kugel schaut, sieht keine Mauer mehr. Aber der Mann hinter der Theke steht hinter einem unsichtbaren eisigen Vorhang. Er räumt Gläser ein, führt seinen Wischlappen über den trockenen Edelstahl aus und blickt durch durstige Gäste vor dem Tresen. Und wer weiter hoch will ins Telecafé, prallt vor der Treppe an der Dame hinterm Pult ab: „Ham Se reserviert? Oben ist Restaurant!“

Nächstes Mal fahr ich mit den Kindern mal rüber ins alte West-Berlin – auf den Funkturm. Stephan Wiehler

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