Kultur : Was machen wir heute?: Über Familien nachdenken

Dorothee Nolte

Als wir in Dagebüll auf die Fähre warteten und uns das Regenwasser in die Sandalen lief, als der Wind die mürrische See aufpeitschte und alle Urlauber mit Gänsehaut überzog, da fragte ich mich, bang und frierend: Wie verrückt muss ein Mensch sein, um im Urlaub nach Norden zu fahren? Inzwischen weiß ich: Man muss gar nicht verrückt sein. Man muss eine Familie sein.

Familien lieben Orte wie die Nordseeinsel Amrum: idyllisch, abwechslungsreich, kinderfreundlich und überschaubar. Die Häuser hier tragen Reetdächer und Namen wie "Sommerwind" oder "Kehr wieder", in den Gärten stehen Strandkörbe, in den Restaurants kriegt man Malstifte für zappelige Kleinkinder. Deswegen ist die klassische Familie, die in Deutschland angeblich immer seltener wird - Mama, Papa, zwei Kinder -, diese Keimzelle der Gesellschaft, auf Amrum überall zu besichtigen: Die ganze Insel ist wie ein Freilichtmuseum einer aussterbenden Spezies. Die Keimzellen krabbeln durch die Dünen, radeln mit bunten Helmen durch den Wald und am Watt entlang, ziehen Bollerwagen über den Strand, springen ins Meer und klettern auf den Leuchtturm. Ich bin sicher, auf Amrum wurde noch nie etwas gestohlen und noch niemand hat sich jemals verirrt. Die Welt hier ist heil und die Luft phantastisch. Familie: das Paradies!

Dennoch erhebt sich hin und wieder Geschrei; dann sind zwei oder drei Monaden einer Keimzelle aneinandergeraten. Der schubst mich ständig, die hat meine Sandburg kaputt gemacht, du hast mich noch nie verstanden und dergleichen familiäre Vorwürfe mehr. Auch wir, die wir erstmals mit Teilen der Großfamilie verreist waren, haben uns an dem Geschrei beteiligt, das gehört dazu. Mein Bruder und ich zum Beispiel sind es seit frühester Jugend gewöhnt zu streiten, wir können es einfach nicht lassen, auch nicht als die würdigen Familienväter und -mütter, zu denen wir inzwischen herangereift sind. Wir haben jetzt ja auch ein neues Thema: die Erziehung unserer Kinder. Mein Bruder also findet, dass ich unserem Sohn zu viel durchgehen lasse, und prophezeit dem kleinen Charmeur eine Zukunft als Terrorist, Egoist, Bigamist, was weiß ich. Unverschämt! Soll er doch warten, bis seine eigene Tochter in die Trotzphase kommt! Kurzum, manchmal gibt es auf Amrum Eklats, bei denen die Insel erzittert und die Nordsee hohe Wellen schlägt. Familie: die Abgründe.

Das Kind dagegen hat sich sofort in seine Cousine verliebt, sie ist anderthalb, zart, blond und hat ein freches deutsch-russisches Mundwerk. Wie die beiden miteinander tanzten, sich umarmten, Grimassen schnitten und in die Händchen patschten, da konnte es einem schon warm ums Herz werden (Familie: die Wonnen). Warm wurde irgendwann auch das Wetter, und wir hatten immerhin zwei klassische Strandtage. Als wir wieder in Dagebüll ankamen, war ich ein Fan der Insel Amrum, eine Vorkämpferin der Institution Familie und reif für einen Urlaub im Süden, als Monade.

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