Kultur : Was machen wir heute?: Über Lenin stolpern

Dagmar Dehmer

Wie kommt der denn hierher? Tief in den Berliner Westen. In den Garten einer Grunewald-Villa? Aber es gibt keinen Zweifel. Da liegt ein überlebensgroßer Lenin-Kopf. Unter einer Kiefer und guckt nachdenklich nach oben. Wer durch den Skulpturengarten des Georg-Kolbe-Museums läuft, sieht ihn erst im letzten Augenblick. Es könnte genauso gut ein Stein sein, der wie ein Daumen nach oben zeigt - diese sind überall im Garten verteilt. Aber es ist Lenin. Seltsam.

Es ist nicht die einzige Überraschung. Die Bäume im Garten sehen aus, als hätten sie schon immer hier gestanden. Sie murmeln im Wind. Ganz unerwartet stößt die Besucherin auf weitere Bewohner des Gartens. Eine Kolbe-Bronze steht zwischen den Bäumen und blickt auf das Haus, in dem heute das Cafe K untergebracht ist. Dort stehen selbstverständlich ebenfalls in jeder sich bietenden Ecke Skulpturen. Die lebensgroße, nackte Bronze-Frau hat ihren Blick starr geradeaus gerichtet. Ein paar Meter von ihr entfernt im Zentrum eines Brunnens: die Tänzerin. In einer expressiven Bewegung scheint sie die Spannung der im Garten verteilten Skulpturen auszuleben.

Überhaupt der Tanz. Der Anfang des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreiche Kolbe hat immer wieder tanzende Körper modelliert. Meist waren es Frauen. Sein Vorbild waren offenbar Ausdruckstänzerinnen, die den Tanz Anfang des Jahrhunderts vollkommen revolutionierten. Kolbe hat den Augenblick festgehalten, in dem die Tänzerinnen völlig in ihrer Bewegung aufgehen. Das Instabile, das Innige, das Neue hat ihn offenbar gereizt. Sein bestes Stück ist eine Tänzerin, gerade mal 30 Zentimeter hoch. Sie ist die ultimative Bewegungskünstlerin, bei der jeder Muskel angespannt zu sein scheint. Kolbes Männer sind langweiliger, statischer.

Das Museum wurde schon 1950 im ehemaligen Atelierhaus des Künstlers gegründet. Das Haus ist mindestens so sehenswert wie seine Arbeiten. Es ist unaufdringlich auf dem Waldgrundstück untergebracht und beweist, dass die modernen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts selbst Künstler waren. Das Haus entwickelt seinen Charme aber nicht nur in der Perfektion. Wer es umrundet, landet schließlich vor einem riesigen Pferdekopf. Faustgroße angstvolle Augen auf Augenhöhe. Weit aufgerissene Nüstern. Komisch. Warum kommt der Besucherin dieses wilde Ross so bekannt vor? Es ist ein Abguss eines Pferdes der Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Tausendmal gesehen, aber bestimmt nicht im Grunewald.

Wer genug hat von der Kunst, ist im Cafe K gut aufgehoben. Vor allem der Kuchen wird von den Gästen gelobt. Und auf dem Weg zur Damentoilette ist er plötzlich wieder da. Der Lenin. Schiebt sich unübersehbar ins Blickfeld. Ob das wohl was zu bedeuten hat?

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