Kultur : Was machen wir heute?: Uhren vererben

Harald Martenstein

Welche Eigenschaften hat das Kind geerbt? Besitzt es etwa auch das lästige Geburtstage-Vergess-Gen, oder das viel belächelte Handy-nicht-bedienen-könn-Gen, oder gar das gefürchtete Mit-dem-Geld-nie-auskomm-Gen? Neulich ist das Kind mit traurigem Gesichtchen durch die Wohnung gelaufen. "Wo ist sie?", hat es gesagt, "wo? Ich kann sie nicht finden. Sie ist weg. Schon wieder eine." Da fiel der Vater auf die Knie, pries die Weisheit der Gene und schloss das Kind in die Arme. Er hat es! Wahrlich, er hat es! So sprach die Stimme des Blutes.

Bald ist ja Ostern. Eines Tages aber war zufällig Weihnachten. Bei der Weihnachtsfeier anno 99 schenkte unser Arbeitgeber jedem seiner Gefolgsleute die Original-Tagesspiegel-Armbanduhr, mit dem Original-Tagesspiegel-Logo auf dem Ziffernblatt. Das war nett und liebevoll von ihm. Aber niemand im Haus trägt die Uhr. Es ist wie eine Uniform, oder? Jeder sieht gleich, wo man arbeitet. Nein, schlimmer noch. Die Leute denken: schau an, der trägt so eine Werbe-Armbanduhr, die kann ja wohl unmöglich mehr als 49 Mark 90 gekostet haben. Kann der Fuzzi sich nichts Wertigeres leisten? Niemand will so ein Discounter-Image. Nur ich bin ein Fuzzi. Ich trage sie seit zwei Jahren.

Das kommt daher, weil ich das Uhren-Verlier-Gen habe. Keine einzige Uhr habe ich länger als ein paar Wochen besessen. Es hat keinen Sinn, welche zu kaufen, oder sich über zeitgenössische Uhrenästhetik einen, wie man in Berlin gern sagt, Kopf zu machen. Im Gegenteil, je teurer und geschmäcklerischer die Uhr ist, desto schneller ist sie verlegt, verschwunden und verloren oder hat in einem öffentlichen Bad ihr nasses Grab gefunden. Deswegen habe ich mich auf wohlfeile, kurzlebige und stilistisch umstrittene Exemplare spezialisiert. Einmal habe ich aus Singapur eine Jackentasche voll glibberiger Rolex-Imitationen mitgebracht, das reichte immerhin für sechs Monate. Der Tagesspiegel-Uhr indes wohnt ein Zauber inne. Jeden Morgen liegt sie mit treuem Blick irgendwo neben dem Bett, wartet handwarm auf dem Küchenbord oder kullert gut gelaunt aus einer zerrissenen Jackentasche heraus, sie geht weder verloren noch kaputt, man kann tun, was man will. Wir haben einander offenbar gesucht und gefunden, und wenn ich sie wirklich einmal verlegt hätte, dann müsste ich nur pfeifen, und meine Tagesspiegel-Uhr käme auf ihrem Kunstlederarmband hechelnd herangekrochen wie ein braves Hündchen.

Das Kind verliert Uhren. Bald ist Ostern, das Kind wird durch die Wohnung kriechen und Eier suchen, und was wird es finden? Bestimmt liegt irgendwo noch eine glibberige Rolex herum. Vielleicht wird unser Arbeitgeber uns eines Tages eine zweite Tagesspiegel-Uhr schenken, dann wird endlich auch das Kind nie mehr Uhren verlieren, denn wir haben die gleichen Gene. Und wenn nicht? Früher haben Väter den Söhnen immer ihre Uhren vererbt. Das habe ich auch vor.

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