Was machen wir heute? : Unbeholfen helfen wollen

Anselm Neft

Gegen 0 Uhr 30 in der S-Bahn Richtung Ostkreuz bemerkte ich beim Hinsetzen einen üblen Gestank, eine Mischung aus kaltem Rauch, altem Schweiß und süßlich riechenden Krankheiten. Mir gegenüber saß ein älterer Mann, zu seinen Füßen einige halb gefüllte Plastiktüten. Drahtige weiße Haare bis zu den ausgebeulten, mit Schuppen bestreuten Polstern seines braunen Jacketts. An den Beinen eine schwarze Anzughose, ein verwelkter Lackschuh am rechten Fuß, ein karierter Filzpantoffel am linken. Der Pantoffel war mit einer mischfarbigen Socke zu einem harzigen Zopf zusammengewachsen. Die Erscheinung hatte etwas von einem Fraggle oder einem Wombat: zersaust, kämpferisch, grundsätzlich freundlich.

„Wann fährt die letzte Bahn?“ fragte er. – „Ich weiß nicht. Wohin müssen Sie denn?“ – „Nirgendwohin.“ – „Dann ist es doch egal, wann die letzte Bahn fährt.“ – „Nein, nein. Wie lange fährt diese Bahn noch?“ – „Nicht länger als bis ein Uhr.“ – „Draußen ist es sehr kalt“, sagte der Mann. – „Stimmt. Unter Null.“

Ich dachte kurz nach, dann sagte ich: „Sie können bei mir schlafen, wenn Sie wollen.“ Der Mann blickte abwechselnd auf mich und auf seine Tüten. „Wie ist das denn da?“ – „Da ist genug Platz. Ein Dach überm Kopf, ein Kaffee. Eine Dusche. Duschen könnte Ihnen gut tun.“ – „Ich kann nicht duschen.“ Eine neue Welle Gestank schlug mir ins Gesicht. Ich musste die Luft anhalten.

„Darf ich du sagen?“, fragte er. – „Gerne.“ – „Hast du denn Musik?“ – „Nein, meine Anlage ist kaputt.“ – „Keine Musik?“ – „Nein, ich wollte auch bald schlafen.“

Meine Haltestelle kam. Er gab mir die Hand. „Na dann. Du bist ein intelligenter Mann“, sagte er, „ich bin auch ein intelligenter Mann.“

Auf dem Heimweg war ich erleichtert, ihn nicht über Nacht in meiner Wohnung zu haben. Der Gestank hielt sich trotzdem noch in meiner Nase, bis ich eingeschlafen war. Am nächsten Tag war ich traurig. Anselm Neft

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