Kultur : Was machen wir heute?: Viel Platz haben

Lorenz Maroldt

Vor gut zehn Jahren war in einer Ost-Berliner Tageszeitung zu lesen, in der Friedrichstraße - gemeint war deren mittlerer Teil zwischen den U-Bahnhöfen Stadtmitte und Französische Straße - habe sich ein Juwelier aus dem Westen "breitgemacht". Das gab Ärger, denn bei der Ost-Berliner Zeitung hatte sich gerade ein Verlag aus dem Westen breitgemacht, besser gesagt: Er hatte das Blatt gekauft. Die Friedrichstraße bestand damals vor allem aus den unvollendeten Ost-Passagen und einigen Plattenbauten. Mittendrin lag mächtig das Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur. Hier hatten vor dem Mauerfall die Leute angestanden, um den "Sputnik" zu ergattern und der Perestroika nachzuspüren. Jetzt war ein Teil des Hauses vom Juwelier Christ besetzt.

Die Redaktion der Ost-Berliner Zeitung - es handelte sich um den "Morgen" - lag gleich um die Ecke in der Johannes-Dieckmann-Straße, die heute Taubenstraße heißt. Kurz darauf zog die Redaktion noch eine Ecke weiter, in die Glinkastraße, und noch ein bisschen später war Feierabend für den "Morgen". Die neuen Eigentümer aus Hamburg waren der Meinung, nun sei genug in den Osten investiert worden. Breitgemacht, plattgemacht - ja, so kam der Westen über den Osten. Überflüssig zu erwähnen, dass die fast fertigen Ost-Friedrichstadtpassagen abgerissen wurden, um Platz zu schaffen für die West-Friedrichstadtpassagen.

Ein paar Meter weiter, am Gendarmenmarkt, stand schon das neue Dom-Hotel, das heute Hilton heißt. Der Gendarmenmarkt selbst war langweilig. Wer 1990 oder 1991 von hier nach drüben telefonieren wollte und nicht eines der etwa fünf Kilo schweren Mobilfunktelefone mit sich herumschleppen mochte, fuhr ein paar Stationen mit der U 6 Richtung Süden, zur Kochstraße. Dort gab es eine Telefonzelle. Die Ostleitungen waren überlastet.

Der Juwelier war so eine Art Vorbote des "Neuen Berlin". Dass es heute da ist, kann man sehen, muss man aber auch bezahlen. Zum Beispiel mit neun Mark für ein Bier in einer der vielen Bars. An früher erinnert hier fast nichts - bis auf das Haus der Russischen Kultur. Heute ist hier ein Reisebüro untergebracht, im Angebot: Transsibirien mit der Eisenbahn für 4000 Mark, Nordpol mit dem Eisbrecher für

15 000. Boris und Olga laden ein zu Musik und Tanz, hier trifft sich die russische Gemeinde. Aber nicht nur. Die originalgetreue Nachbildung der Mir lockte auch Studienräte aus Charlottenburg an. Im Saal gibt es, wie seit eh und je, Kino. Und was für eins! Die Böden riechen nach DDR, die Sitze sind bretthart, natürlich aus Sperrholz, an der Wand hängen billige Lautsprecher und ein Thermometer. Manchmal bleibt der Projektor stehen, dann gibt es als Entschädigung eine Freikarte. Das kann sich das Kino leisten: Viel mehr als zehn Zuschauer kommen nicht oft hierher. Und das bedeutet: ganz viel Platz für wenig Geld. Ein Geheimtipp also. Bloß nicht weitersagen!

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