Kultur : Was machen wir heute?: Wach bleiben

Heike Jahberg

Wir haben gern Besuch. Unsere Kinder lieben ihre Freunde und möchten sie gerne häufig sehen. Wir lieben unsere Freunde auch, allerdings sehen wir sie nur noch sehr selten. Es sei denn, sie haben Kinder und können uns tagsüber einen Besuch abstatten. Ansonsten sieht die Sache schlecht aus. Denn nach der Tagesschau sind mein Mann und ich leider zu beschäftigt, um uns noch groß um Gäste kümmern zu können. Dann bringen wir unsere Kinder ins Bett, und damit ist der Tag gelaufen.

Tom (sechs) und Linda (fast zwei) schlafen nicht ein, ohne ihre geliebten Kuscheltiere neben sich zu haben. Das sind wir. Tom, dessen neuestes Hobby das Auswendiglernen von Bus- und Bahnverbindungen ist, braucht im Bett einen Nebenmann, der ihm kniffelige Umsteigeaufgaben stellt. Linda will nicht reden, sondern schmusen. Sie braucht ein menschliches Ohr, an dem sie so lange herumziehen kann, bis sie endlich eingeschlafen ist. Leider nicht nur sie. Denn irgendwann nickt die gesamte Familie ein. Stunden später treffen wir Eltern uns dann wieder. So gegen ein Uhr nachts. Unsere Gäste haben dann längst das Weite gesucht.

Die Profi-Eltern unter Ihnen werden uns jetzt für Memmen halten. Aber Sie tun uns Unrecht. Was haben wir nicht alles versucht, um unseren Kindern das Schlafen beizubringen! Doch schon bei Tom sind wir kläglich gescheitert.

Das Elend nahm vor langer Zeit im Urlaub seinen Lauf. Das Kinderbett war in einem derartig desolaten Zustand, dass Tom - ausnahmsweise - in das Elternbett umziehen durfte. Wieder zu Hause wollte er aber keinesfalls mehr in seinem Gitterbettchen schlafen. Erst versuchten wir es mit Schlafliedern, dann mit Gute-Nacht-Geschichten, und schließlich setzten wir auf die Selbstregulierung und ließen das Kind gewähren. Doch als es dann eines Nachts um zwei im stockdunklen Flur zu lesen vorgab, entschlossen wir uns, neue Saiten aufzuziehen. Wir deckten uns mit Ratgeberlektüre ein und starteten das angeblich unfehlbare Schlafprogramm. "Jedes Kind kann schlafen lernen", versprach uns Annette Kast-Zahn. Nur Tom leider nicht.

Die Methode ist einfach: Man steckt das Kind ins Bett, verabschiedet sich freundlich und verlässt das Zimmer. Wenn das Kind schreit, tröstet man es kurz und geht wieder. Dabei dehnt man die Intervalle immer weiter aus. Irgendwann, so die Theorie, schläft das Kind dann von selber ein.

Toms Schlaftraining brachen wir ab, als sich unser Sohn mit seinem Schlafsack kopfüber über die Reling des Gitterbettes stürzte. Da erkannten wir: Er ist stärker als wir.

Lindas Schlafkurs endete nach zweitägigem nervenaufreibendem Kampf voller Tränen und Protest. Nach 48 Stunden Schlafentzug waren wir Eltern mürbe. Doch noch haben wir nicht ganz kapituliert. Unser neuester Coup: Jetzt sollen beide Kinder zusammen schlafen. Dann kann Tom seiner Schwester aus dem Fahrplan vorlesen, Linda kann derweil an seinem Ohr zupfen. Und wir spielen Doppelkopf mit unseren Freunden.

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