Was machen wir heute? : Wach bleiben

Verena Friederike Hasel

Neulich auf der Potsdamer Straße kreuzten zwei Halbstarke meinen Weg. Ich solle mich doch zu ihnen gesellen, schlug der eine vor, die Wortwahl ein wenig rüde im jugendlichen Übermut. „Lass ma, die hat bestimmt Kinder und so“, zischte der andere.

Diese meine offenkundige Reife verdanke ich allein dem Schwarzen Café. Ich war zwölf, da beschloss ich, von nun an erwachsen zu sein. Ich forderte meine Freundin Nina auf, das Springseil beiseitezulegen, und erläuterte ihr die veränderte Sachlage. Sie war einsichtig, und so warfen wir beherzt die Pferdeschwänze nach hinten und verabredeten, noch am selben Abend das Alleinstellungsmerkmal der Erwachsenen zu erproben: durchmachen, die ganze Nacht. Ihren Eltern erzählte Nina, sie schlafe bei mir, ich sagte, ich sei bei ihr, und um neun Uhr trafen wir uns vor der Disko „Linientreu“. Gegen elf hatten wir sämtliche Tanzbewegungen, die wir uns zurechtgelegt hatten, viermal durch und waren müde. Aber auch erwachsen, und deshalb mussten wir weiter – zumal man uns zu Hause ja jeweils bei der anderen wähnte. Hier kam das Schwarze Café ins Spiel – einziger Laden, der rund um die Uhr auf hatte, und nur was für die Großen. Vor allem der erhabene Balkonplatz. So weit waren wir noch nicht, wir saßen toilettennah, bis wir bei Tagesanbruch, um Jahre gealtert, heimgehen konnten.

Mit meinem Freund Claas war ich vor ein paar Tagen wieder einmal da. Stilecht bestelle ich einen Kiba – da plötzlich: Das Balkonplatz-Paar steht auf. Unsere Chance. Ich bin schwer versucht, auf die Straße hinunter zu grüßen. Allerdings hat man von dort oben eine Uhr auf dem Mittelstreifen direkt im Blick: Es ist bald Mitternacht. Ich lasse die zum Gruß erhobene Hand sinken und schichte stattdessen meine sieben ergrauten Haare um. Kurz darauf verlassen zwei Erwachsene das Schwarze Café, schnurstracks dem Bett entgegen.

Verena Friederike Hasel

Das Schwarze Café, Kantstraße 148, hat einen Balkon und rund um die Uhr geöffnet. Über das „Linientreu“ will man lieber nichts wissen.

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