Was machen wir heute? : Weiterlesen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann.

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Welch ein Tag! Ich wachte auf und hatte Zeit. Ich sah zum Fenster raus, sah Helligkeit. Dann schlug ich ein Buch auf, das sich auf seinen bisherigen 400 Seiten schon als grandios erwiesen hatte und begann folgenden Satz: „Der Morgen zu Hause, Seligkeit des Sonnenstrahls, der unter der Dusche sein Gesicht liebkoste, das Gefühl unverplanter Möglichkeiten wie an einem ersten Urlaubstag, das ihn durchströmte, wenn er erwachte und sich allein vorfand und seine ersten Bewegungen, linkisch und jugendlich, die Stille einer ganzen Nacht zerknarzten, die ...“ Der Satz ging noch weiter, doch ich hatte mich längst in den Tag des anderen geträumt, der so schön beschrieben fast meinem eigenen glich: unverplant, frei.

Da klingelte das Telefon.

Der Steuerberater. Ob ich noch irgendwelche Belege von 2007 hätte. Ich wimmelte ihn ab, drehte mich noch mal um und suchte den Satz, den ich verloren hatte. Da war er wieder: „ ... die Stille einer ganzen Nacht zerknarzten, die kämpferische, die naive Lebensfreude, die die langen Liebesnächte mit Vera bei ihm hinterließen – all das ...“

Da klopfte es an der Tür.

Die Nachbarn. Sie wollten eine Salatschüssel zurück, die sie mal mitgebracht hatten, die ich aber schon weiterverliehen hatte, so dass ich ihnen fürs Erste eine andere überließ – in Prenzlauer Berg werden mittlerweile nicht nur Wohnungen im Ringtausch angeboten, dachte ich noch. Ich schloss die Tür, öffnete erneut diese grandiose Buch und diesen leichten Satz – wo war er gleich? Hier: „... die die langen Liebesnächte mit Vera bei ihm hinterließen – all das brach in sich zusammen.“

Punkt. Der Satz war zu Ende. Hatte ich was verpasst? Warum endete alles plötzlich so schlecht? Einen Satz lese ich noch, nahm ich mir vor, dann mache ich was aus meinem Tag. Der folgende Satz hatte nur zwei Worte: „Obwohl vielleicht ...“

Ich las noch weiter. Niemand störte mich mehr.

Alan Pauls: Die Vergangenheit. Verlag Klett-Cotta; 559 Seiten; Euro 24,90.

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