Kultur : Was machen wir heute?

Viele nutzen „Eyeout“ spontan und lassen sich zeigen, welche Galerien in der Nähe sind 170 Museen und Galerien: Jan Winkelmann entwickelt Apps für Berliner Ausstellungen

Herr Winkelmann, Sie sind der Kopf hinter „Eyeout“, einer iPhone-Application, die die wichtigsten Berliner Ausstellungen aktuell und kompakt aufs iPhone bringt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Die erste Idee hatte ich 2009 in Hamburg. Dort lag ich morgens im Hotelzimmer und wollte mich informieren, welche Ausstellungen ich an diesem Tag sehen könnte. Ich bin dann mit dem iPhone ins Netz gegangen und musste vier oder fünf verschiedene Websites aufrufen, um einen Überblick zu bekommen. Mit „Eyeout“ bekommt man – momentan nur in Berlin – einen Überblick zu den wichtigsten Ausstellungen in Galerien, Museen, Projekträumen und Privatsammlungen.

Warum eine iPhone-App und keine Website?

Eine App für das iPhone macht mehr Sinn, denn das hat man immer dabei. Außerdem bietet das Gerät mit der Lokalisierungsfunktion – die mir anzeigt, wo ich bin und welche Ausstellungsorte in meiner Nähe sind – wesentlich mehr Möglichkeiten als eine Website.

Sie haben „Eyeout“ nicht alleine entwickelt. Wer war noch beteiligt?

Ein paar Wochen nach dem Aufenthalt in Hamburg traf ich den Sammler Ivo Wessel auf einer iPhone-App-Veranstaltung hier in Berlin. Wir kannten uns aus meiner Zeit als Galerist und Kurator, aber ich wusste nicht, dass er iPhone Applications entwickelt. Wir haben uns dann rasch getroffen, und er war begeistert von der Idee zu „Eyeout“. Pierre Becker vom Designbüro Ta-Trung kam als Gestalter hinzu. Softwareentwicklung und Design gingen Hand in Hand.

Wie verlief der Start von „Eyeout“?

Das war ein spannender Prozess über mehrere Monate. Im Frühjahr war die App fertig, und es kam die Kooperation mit dem Gallery Weekend zustande. Das ist die Art von Veranstaltung, bei der die App am besten zum Einsatz kommt: viele Ausstellungen in einem kompakten Zeitraum an verschiedenen Orten in der ganzen Stadt. Man musste seine Zeit einteilen, um möglichst all das zu sehen, was einen interessierte. Hierbei war „Eyeout“ der ideale Helfer. Bereits im Vorfeld konnte man sich eine Tour mit allen Ausstellungen zusammenstellen. Viele Besucher nutzten „Eyeout“ auch spontan, indem sie sich ihren Standort anzeigen ließen und sehen konnten, welche Galerien sich in der Nähe befanden.

Wie teuer ist „Eyeout“?

Die App kostet einmalig 5,99 Euro. Das beinhaltet alle künftigen Updates, die kostenlos sind. Es war eine bewusste Entscheidung gegen ein „Abo-Modell“ und für einen höheren Kaufpreis. Letztlich kommt der Nutzer bereits nach wenigen Monaten günstiger damit weg.

5,99 Euro für eine App sind ziemlich hoch angesetzt. Wie begründen Sie diesen Preis?

Der Aufwand, die Informationen von über 170 Ausstellungsorten aktuell zu halten, ist sehr zeit- und kostenintensiv. Andererseits wendet sich „Eyeout“ an ein eher spezifisches Publikum. „Eyeout“ ist keine Spiele-App für 79 Cent, die zu Hunderttausenden heruntergeladen wird.

Wie läuft die Entwicklung von „Eyeout“ nach dem Start während des Gallery Weekend weiter?

Seit einigen Wochen gibt es die reguläre App „Eyeout Berlin“. In der sind mehr Galerien gelistet als in der App für das Gallery Weekend. Dort waren es nur die vierzig offiziell teilnehmenden Galerien. Jetzt sind es fast 120 plus die Museen, Projekträume und Privatsammlungen. Anders als bei der Gallery Weekend App bietet die reguläre App jetzt einen kostenlosen wöchentlichen Update-Service. Der eigentliche Nutzen ist die Aktualität. Der Unterschied zu Online-Ausstellungsführern besteht darin, dass dort in den meisten Fällen die Galerien und Museen selbst für den Inhalt verantwortlich sind. Das heißt: Jeder aktualisiert seine Daten, wann es ihm passt. So funktioniert ein Ausstellungsführer aber nicht, denn meistens sind die Daten nicht aktuell.

Wie gewährleistet „Eyeout“ diese Aktualität?

Es gibt eine Redaktion, die die Aktualisierung der Daten und Fotos vornimmt. Einmal pro Woche wird dieser Content auf den Server geladen, den sich die User mit einem Klick downloaden können.

Wie finanziert sich „Eyeout“? Schließlich gibt es keine Werbung.

Das Listing ist für die Ausstellungsorte kostenpflichtig. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass jeder, der bereit ist, dafür zu bezahlen, auch gelistet wird.

Wer entscheidet darüber und nach welchen Kriterien?

Das entscheidet die Redaktion. Das obere Segment ist ja ziemlich unstrittig. Hier gibt es Galerien und Museen, die bei einem Ausstellungsführer mit hohem Qualitätsanspruch einfach nicht fehlen sollten. Anderseits bietet „Eyeout“ sogenannten „curated content“ – das heißt: einen subjektiven und gleichsam qualitativ hochwertigen Überblick zu den interessantesten Ausstellungen in Berlin.

Wird von manchen Galerien Druck ausgeübt, aufgenommen zu werden?

Nein, es gibt aber viele Anfragen, die alle von der Redaktion sorgfältig geprüft werden. Die Redaktion besteht übrigens aus Profis, die die Kunstszene in Berlin in- und auswendig kennen.

Warum gibt es „Eyeout“ nur in englischer Sprache?

Der Aufwand, das Ganze zweisprachig zu betreiben, wäre zu groß. Außerdem ist der Kunstbetrieb international, die meisten sprechen Englisch. Die Zielgruppe von „Eyeout“ reduziert sich nicht auf Kunstprofis. Der Service richtet sich an kunstinteressierte Laien wie Besucher der Stadt, die nur wissen wollen, welche Ausstellungen gerade zu sehen sind. Auch bei dieser Zielgruppe kann man davon ausgehen, dass Englisch verstanden wird.

Wird „Eyeout“ auf Berlin beschränkt bleiben oder denken Sie schon über weitere Städte nach?

Ende August zur dortigen Saisoneröffnung wird „Eyeout Zürich“ erscheinen. Im nächsten Frühjahr soll „Eyeout Köln / Düsseldorf“ folgen. Weitere Kunstmetropolen sind in Planung.

Noch eine Frage zum Redaktionellen. Wird es später auch Ausstellungskritiken geben oder andere Formen redaktioneller Berichterstattung?

Das Schöne an dem jungen Medium ist, dass es sich weiterentwickelt. Es gibt Überlegungen, meinungsbildenden Content einzubeziehen. Momentan geht es darum, das Produkt und die Marke „Eyeout“ aufzubauen und international bekannt zu machen.

Das Gespräch führten Nicole Büsing und Heiko Klaas.

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