Kultur : Was macht Britney, wenn Angela Kanzlerin wird?

Eine Branche im Umbruch: Die Musikindustrie wirft auf der 17. Popkomm in Berlin einen Blick in ihre Zukunft

Kai Müller

Als die Sängerin, eine schöne, dunkle Erscheinung, an ihrem Weinglas nippt und die Hälfte verschüttet, entschuldigt sie sich beim Publikum: „Man hat mir geraten, Wein zu trinken, damit ich mehr mit euch rede. Es stimmt, ich rede nicht viel. Ihr wisst doch schon alles. Nicht über uns“, fügt sie hinzu und meint ihre Band, „aber ganz allgemein.“

Ja? Stimmt das? Wie viel wissen wir eigentlich, werden sich wieder etliche gefragt haben, die als Branchenkenner zur 17. Popkomm nach Berlin gereist waren, um Antworten auf so drängende Fragen zu erhalten wie: Hat die CD als Tonträger noch eine Zukunft? Muss ich Englisch sprechen oder sterben? Wer hat den Radiostar gekillt? Und schließlich: Sieht Pop jetzt schwarz? Gemeint ist: Was passiert mit Britney Spears, wenn Angela Merkel Kanzlerin wird? Um es vorweg zu nehmen, Familienministerin wird die 23-jährige Mutter, die vor zwei Tagen einen Jungen entbunden hat, wohl nicht.

Die Popkomm ist eine merkwürdige Veranstaltung. Das war sie immer. Doch seit die Musikmesse vor zwei Jahren vom Rhein an die Spree zog, hat sie an Merkwürdigkeit noch erheblich hinzugewonnen. Denn nun findet der Branchentreff unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Insider schauen einander beim Geschäftemachen zu. Ein Handschlag hier, ein Grüppchen dort, das sich um ein Laptop schart und Excel-Tabellen mit Namen und Zahlen füllt. Da es sich um eine schnelllebige Branche handelt, beeilt sich in den drei Messehallen fast jeder, irgendwo hinzukommen. Der Rest hockt etwas verloren auf exzentrischen Sitzgelegenheiten, bemüht, nicht gleich wieder abgeworfen zu werden. Musiker tauchen in dem Gewusel kaum auf. Ein paar, darunter James Blunt, Diane und Seeed, treten im benachbarten Funkhaus einem erlauchten Kreis geladener Gäste gegenüber. Auf einem Stand, der die These zu untermauern versucht, dass die alte Tonträgerwirtschaft mehr und mehr zur Verpackungsindustrie mutiert, steht ein Sting-Double und singt: „Every Little Thing She Does Is Magic“.

Seit Jahren beugt sich die Branche einem Diktat des Umdenkens – widerwillig, aber immerhin. Am Internetgeschäft, das haben alle begriffen, kommen Plattenfirmen nicht mehr vorbei. Noch macht dieser Bereich nur zwei Prozent ihres Umsatzes aus, doch wächst er rapide: Allein im ersten Halbjahr 2005 wurden drei Mal so viele Titel auf legale Weise aus dem Netz heruntergeladen wie im ganzen Jahr 2004. Für die Labels, die sich als Rechteinhaber damit auf abgesichertem Terrain bewegen, eröffnet sich dennoch eine erschreckende Perspektive. Und so kommt auch diesmal einem Außenseiter und New-Economy-Gewinner die Aufgabe zu, Zukunftsvisionen für den auf digitale Medien umsteigenden Musikmarkt zu entwerfen.

Dave Goldberg von Yahoo-Musik sieht Radios, TV-Sender und Plattenläden in zehn bis 15 Jahren verschwinden. Zumindest als Musikvermittler hätten sie ausgedient, wenn Internetportale deren Aufgaben erst auf sich vereint hätten. Auch Superstars werde es im großen Stil nicht mehr geben. „Musik ist frei“, erklärt der Amerikaner in Berlin emphatisch, so wie Wasser aus dem Wasserhahn. Trotzdem gebe es Menschen, die Mineralwasser aus Flaschen vorziehen. Sie bezahlen sogar dafür, weil sie um die höhere Qualität wissen.

Diese Aussicht dürfte die Musikmanager kaum beruhigen. Eine Verlagerung ihres Absatzmarktes in die Welt von Livestream und Download sei selbstzerstörerisch, heißt es auf der Popkomm. Seit mit Einführung des iPod ein Stückpreis von 99 Cent pro heruntergeladenem Titel etabliert sei (in den USA ohne Mehrwertsteuer), schwindet die Aussicht, ein wirtschaftlich verträgliches Modell zu finden. In Deutschland müsste derselbe Song mindestens 1,29 Cent kosten, um seine Investitionskosten einzuspielen. Das sei nun aber nicht mehr durchsetzbar, sagen Branchenkenner. Alles darunter zehre am Budget, das Firmen zum Aufbau von Künstlern benötigen. Je stärker sich die Musikwirtschaft den technischen Gegebenheiten öffnet, die mit dem MP3-Format keineswegs überraschend über ihr hereinbrachen, desto mehr muss sie das Fundament untergraben, auf dem alles ruht: die Kunst.

Herbert Grönemeyer – seit einiger Zeit in der Doppelfunktion als Musiker und Labelchef (Grönland) unterwegs – findet auf einer Podiumsdiskussion denn auch deutliche Worte für diese Entwicklung. Er wünscht sich, jemand würde ein Hilfsprogramm auflegen, um die großen Musikkonzerne wieder aus der Börse herauszulösen. Kreativität sei nicht steigerungsfähig, beharrt er. Kein Komponist habe je nach den Regeln des Aktienmarkts immer bessere, immer ertragreichere Werke geschaffen. Für Grönemeyer dürften die Anstrengungen einer Firma wie Polyphonic HMI das pure Grauen sein. Deren „Hit Song Science“ ist der Versuch, Songs und Hörgewohnheiten mathematisch zu durchleuchten, so dass ein Muster dessen sichtbar wird, was einen Hit ausmacht. Schon jetzt stehen die Algorithmus-Experten Labels und Managern beratend zur Seite und prahlen mit einer Trefferquote von 80 Prozent statt den 20 Prozent, die Instinkt, Fleiß und Vernarrtheit erzielen können.

Der menschliche Faktor – ganz ausschließen können selbst die Superhirne ihn nicht. So lautet ihr Ratschlag, nachdem sie einen Song mathematisch geröntgt haben: „Wir wissen nicht, wie Sie das Problem ändern können, aber es liegt an der Basslinie.“ Da wird sich der Produzent am Kopf gekratzt haben: Die Basslinie? Verdammt, die ist das einzige, was mir an dem Song wirklich gefällt.

Die Popkomm ist die ernüchternde Zurschaustellung eines Apparats, der seine eigenen Strukturprobleme nicht in den Griff kriegt. Dazu zählt auch die Einführung eines „Musiktages“: Vom 23. September an werden Neuerscheinungen immer freitags erhältlich sein, ebenso die Charts. Das kommt dem Konsumenten, der samstags Zeit für den Plattenladen hat, gewiss entgegen. Doch die Musik spielt woanders. In den Clubs, wo jede neue Band dieser Tage raunend als das nächste große Ding angekündigt wird. Man kann es nicht wissen. Nicht alles.

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