• "Was sagt das linke Knie zum rechten?": Eine flog aus dem Kuckucksnest - Jacalyn Carleys Debütroman

Kultur : "Was sagt das linke Knie zum rechten?": Eine flog aus dem Kuckucksnest - Jacalyn Carleys Debütroman

Thomas Schaefer

Einen Vergleich mit der "Blechtrommel" von Günter Grass anzustrengen, hieße, die Latte ungebührlich hoch zu legen. Dennoch legt der Debütroman von Jacalyn Carley "Was sagt das linke Knie zum rechten?" Matzerath-Assoziationen nahe. Denn die in Berlin lebende Amerikanerin behandelt (ostdeutsche) Zeitgeschichte, bis in die unmittelbare Vergangenheit; und sie stattet ihre Figuren dabei mit entschieden absonderlichen Eigenschaften aus. Sie zersingen zwar kein Glas und beschließen auch nicht, ihr Wachstum einzustellen, dafür logieren sie in einer Kuckucksuhr, die im Schankraum einer Gaststätte in einem ostdeutschen Dorf hängt. Doch die Zeitgeschichte ist allenfalls Kulisse und Kolorit; die originelle Idee, die Erzähler zu Kuckucks zu machen, die alle fünfzehn Minuten ihr Gehäuse verlassen und dann für kurze Augenblicke Anteil an der Welt nehmen können, ist reizvoll, wenngleich konstruiert.

Bewohnt wird das Kuckucksheim von Anita, die vor etlichen Jahren auf nie ganz geklärte Weise ums Leben kam, bei einem Manöver der Roten Armee. Weil sie gerade Mutter geworden war und nicht akzeptieren wollte, dass sie das Aufwachsen ihrer Tochter Conny versäumen würde, entzog sie sich dem Grab durch die Flucht in die Uhr: "Ich hatte keine Lust, mich mit untergeschlagenen Armen in das Korps der teuren Verblichenen einzureihen." Jetzt kann sie ihre Tochter und ihren Mann in dessen Gasthaus beobachten und begleiten. Andre, ihr Mitbewohner, weilt noch unter den Lebenden, wenn auch auf schizophrene Weise: Körperlich befindet er sich, zunehmend verfettet und abgeschlafft - ein Oblomow-Epigone - auf dem Sofa seiner Mutter, wo er von Che Guevara träumt und die deutsche Revolution am Fernseher verfolgt. Seine Seele aber ist in die Uhr gezogen, weil auch er Conny nahe sein will: Er liebt sie und ist 15-jährig an ihr schuldig geworden. Eine ungleiche Wohngemeinschaft: Conny ist kurz vor ihrer Hochzeit verschwunden, Anita und Andre wollen sie wiederfinden.

In Dialogen und Erinnerungen der Uhrbewohner entfaltet sich eine tragische, handlungsreiche, verschachtelte Geschichte um Schuld und Liebe - und das Verschweigen von Gefühlen. Erzählt wird von Thomas und Anita, wie die vierzehnjährige Conny schwanger wurde, warum sie ihr Kind nicht bekam und im Rollstuhl sitzt; von der Adoleszenz Andres und seiner Clique und von Connys Flucht ins wiedervereinigte Berlin. Das alles aus unterschiedlichster Perspektive wechselnder Erzähler, mit Zeitsprüngen und Rückblenden, farbig, spannend verrätselt.

Erzählt wird aber vor allem aus dem Leben eines Dorfes, das sich durch die Wende nicht verändert hat. Wenn Jacalyn Carley sich Zeit nimmt, die Rituale einer Beerdigung zu schildern, wenn sie vom Aufwachsen in einem leblosen Dorf berichtet, Zukunftsträumen, ersten Räuschen und erster Liebe, wenn sie Silvester- und Faschingsfeiern in der Dorfkneipe beschreibt, dann ist sie in ihrem Element, eine humorvolle und melancholische Beobachterin des dörflichen "Kollektivgeistes". Wie vor dem Hintergrund eines Milieus aus Neugier, Sehnsucht, Unerfahrenheit und Sprachlosigkeit schwere Schuld entsteht, wie der Wunsch nach Erlösung an einer Mauer starrer Regeln und eisernen Schweigens scheitern, das hat bei aller Konstruiertheit des Romans eine bedrückende, unausweichliche Logik.

"Die Dörfer sind voll von Geschichten", weiß Jacalyn Carley, und es ist erstaunlich, wie exakt die Amerikanerin die Gefühlstopografie eines ostdeutschen Dorfes ausleuchtet. 1976 kam die Tänzerin und Choreografin nach Berlin. Ihren Vater soll sie beruhigt haben, wenn ihre Pläne scheiterten, "dann würde sie eben ein Buch schreiben". Sie ist nicht gescheitert und hat dennoch ihr Buch geschrieben, ein sehr schönes.

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