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Was sind uns Texte wert? : Kathrin Passig: Und dann ist da noch mein T-Shirt-Shop

16.04.2012 00:00 UhrVon Kathrin Passig
Lebt vom Schreiben bescheiden: Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig.Bild vergrößern
Lebt vom Schreiben bescheiden: Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wovon ich lebe: Ein Beitrag zur Debatte über Urheberrechte.

Seit Anfang 2006 lebe ich überwiegend von klassischen Buchvorschüssen. Ich habe das Glück, dass mir Rowohlt Berlin immer sehr anständige Vorschüsse bezahlt hat (ein guter Agent ist dabei hilfreich). Das ist insofern ein bisschen hinderlich, als ich gern öffentlich behaupte, Verlage seien in Zeiten des E-Books und des Selfpublishing gar nicht mehr so dringend nötig, aber durch die schönen hohen Vorschüsse war meine Motivation bisher gering, das selbst auszuprobieren.

Aufträge von Zeitungen und Zeitschriften nehme ich an, wenn mich das Thema interessiert und ich Zeit habe. Ich bin aber ganz froh, dass ich darauf nicht angewiesen bin.

Erstens müsste ich mich dann viel aktiver um die Akquise kümmern, zweitens müsste ich die Total-Buyout-Verträge unterschreiben, die mir die Verlage zuschicken. Das habe ich bisher nicht getan, ich lasse die einfach liegen, niemand hakt ein zweites Mal nach. Von anderen Journalisten höre ich, dass es dann keine weiteren Aufträge von dieser Redaktion gibt, ich habe bisher nicht darauf geachtet, ob das stimmt. Ich verfolge aber auch nicht, ob die Verlage sich überhaupt darum kümmern, ob ich den Vertrag unterschrieben habe – vermutlich ist das zu aufwändig, und sie verwerten meine Texte trotzdem genau so umfassend wie alle anderen.

Für den Fall, dass die Printbranche demnächst bauchoben treibt, habe ich in letzter Zeit versucht, mir ein Vortragsstandbein wachsen zu lassen, obwohl mir das Vorträgehalten viel schwerer fällt als das Schreiben. Das läuft überraschend gut, wobei ich vermutlich stark vom Quotenfrauenbedarf bei Internetthemen profitiere. Wenn Sascha Lobo eine Frau wäre, wäre ich arbeitslos. Ein weiteres Standbein ist mein T-Shirt-Shop zufallsshirt.de, ein selbstgebauter Motivgenerator, der bei jedem Reload ein neues T-Shirt mit Zufallsbild und Zufallsaufschrift erzeugt. Die Shirts haben im letzten Jahr ungefähr 3000 Euro eingebracht, was im Verhältnis zur investierten Arbeit nicht viel ist. Andererseits ist es sehr viel, wenn man bedenkt, dass diese Arbeit keine Arbeit war, sondern ein reines Vergnügen. Außerdem läuft das Geschäft automatisch, ich müsste nichts mehr daran tun und feile nur zum Spaß weiter an den Details.

Anfragen, ob ich irgendwas umsonst machen will, lehne ich meist mit der Begründung ab, dass ich mir selbst schon genug schlecht- und unbezahlte Projekte ausdenke. Das Riesenmaschine-Blog war so eins, wir hatten Werbeeinnahmen, aber die waren verschwindend gering, ich glaube, in guten Jahren gab es zwölf Euro pro Beitrag. Ich mag brotlose Ideen, aber ich finde, man muss die Folgen dann auch selbst ausbaden. Wenn ich die Ideen anderer umsetze, will ich dafür Geld.

Am Ende kommen dabei im Jahr ungefähr 20 000 bis 25 000 Euro vor Steuern heraus. Das war schon vor den Buchvorschüssen so, damals habe ich dasselbe mit Übersetzungen und über die Zentrale Intelligenzagentur verdient. Ich habe einen zwanzig Jahre alten Mietvertrag, keine Kinder und keine teuren Hobbys, so dass ich mich mit diesem Einkommen immer sehr reich gefühlt habe. In Wirklichkeit ist es, wie ich kürzlich herausgefunden habe, ein ganz normales deutsches Durchschnittseinkommen.

Kathrin Passig, 42, ist Journalistin und Autorin, 2006 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2011 erschien „Das neue Lexikon des Unwissens“ (Rowohlt Berlin). Sie lebt in Berlin.

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