Kultur : Was soll ich denn im Osten?

Orgiastisch: Das Berliner Duo Cobra Killer verbindet Elektrotrash mit Lokalpatriotismus

Bodo Mrozek

Heute ist man das ja gewohnt, aber noch vor kurzem blieb so manchem der Mund offen stehen. Berlin-Mitte, irgendein Club, indem irgendeine Band spielen soll. Wie üblich ist vorher noch ein „Support“ angekündigt, also eine Vorband, heute sagt man lieber „Act“. Zwei junge Frauen in Ledermänteln stelzen hochhackig auf die Bühne. An einem Kassettenrekorder hängen Wimpel, die dem Mitte-Publikum kaum etwas sagen dürften, denn es sind die Stadtwappen von Spandau und Charlottenburg. Dazu grelle Schminke, Armbinden, Uniformkleidchen und Strumpfbänder. Noch beim Wedeln mit Berlin-Fähnchen verziehen einige im Publikum spöttisch die Gesichter.

Ein paar Minuten später ist auch dem Letzten das abschätzige Grinsen aus dem Gesicht gefallen. Die Damen haben ihre Mäntel verloren, Gummihandschuhe übergezogen, sich mit einer dicken roten Flüssigkeit besudelt und wälzen sich nun unter ohrenbetäubendem Krach auf dem Boden. Der Spuk dauert nur etwa zwanzig Minuten, dann ziehen sie sich die Röckchen zurecht, wedeln föhlich mit den Winkelementen und stöckeln so brav von der Bühne, als sei nichts gewesen.

Auftritte von Cobra Killer sind eine Zumutung. Und weil sie auf der Bühne so grell agieren wie in einer Mischung aus Russ-Meyer-Film und Schlingensieftheater wurde lange überhört, dass es ihnen nicht nur um Schock-Posen geht. Sondern in erster Linie um Musik.

Sich mit Annika Line Trost und Gina von D’Orio zu verabreden ist nicht so einfach. Sie sind jetzt viel im Studio, dann ist da noch ein Baby und natürlich die Tournee. Gerade spielten sie im „Flex“ in Wien , dann auf einem Festival in St. Pölten vor 3000 Leuten. Morgen treten sie in irgendeinem Club in Sao Paolo auf. Wie der heißt? Wissen sie nicht. Wie das eben so ist, wenn plötzlich der Erfolg da ist.

Der Erfolg kam nicht über Nacht. Gina von D’Orio, geboren in Charlottenburg, spielte im zarten Alter von zwölf Jahren Bass, Gitarre und Keyboard bei den Lemon Babies, das war Ende der Achtziger. Etwa zur gleichen Zeit, da kannten sie sich noch gar nicht, hockte Annika Line Trost mit den Sophisticated Troublemakers, einer Berliner Garage-Band, im Proberaum. Schon in der Grundschule, die Mitschüler sammelten Aha-, Sandra- oder Duran-Duran-Poster, da hörten sie lieber Skate-Core-Bands wie Suicidal Tendencies und 77er Punkrock. Von da war es bis zu den Sonics und anderen Mod-Bands auch nicht mehr weit. „Ich habe die Schule geschwänzt, um zu Hause Musik zu hören“, bekennt von D’Orio. Nur mit den Bands ging es nicht so recht voran.

„Wir waren eine Kindl-Band“, sagt Line Trost. „Die ganze Zeit tranken wir Bier. Darum konnten wir nie aufnehmen, weil immer einer Pinkeln war.“ Die Idee etwas ohne die Jungs zu machen, entstand 1997. Da trafen sich die beiden, die sich bereits aus den vorderen Zuhörerreihen von Berliner Sixties-Bands wie What Four kannten, auf dem Flughafen Tempelhof. Mit der Acid-Krach-Band Atari Teenage Riot waren gerade sie auf USA-Tour, Annika sang bei Shizuo. Nach fünf Wochen Tourbegleitung hatten sie „die Schnauze voll“: von Jungs-Bands, vom Groupietum, vom „Warten auf den richtigen Gitarristen“. Zuhause schraubten sie an einem Yamaha-Sampler und einer Orgel, nahmen ein paar Spuren auf und schickten sie durch ein Effektgerät.

Wenig später kamen erste Auftritte und eine erste Platte. Ausgerechnet in Australien „entdeckte“ sie eine Berlinerin. Gudrun Gut, Chefin des Plattenlabels „Monika Enterprise“ sah die orgiastische Show in Sidney und bot an, eine 10-Inch-Platte aufzunehmen. So entstand „Heavy Rotation“, eine Mischung aus Elektrorhythmen und trashigem Gesang.

Das neue Album „76/77“ reißt nun Material aus den Sixties aus dem alten Kontext und legt neue Texte darüber. So finden sich der Basslauf aus „These Boots Are Made For Walking“ oder der Rhythmus von Richard Berrys durch die Sonics bekannt gewordenem R&B-Mover „Have Love Will Travel“. „Let’s Have A Problem“ heißt das Stück jetzt, den Mix besorgte der Berliner DJ T.Raumschmiere. Das deutsch gesungene „Mund auf – Augen zu“ erinnert dagegen an härtere Stücke der Neuen Deutschen Welle. Im Lied „Ledercouch“ heißt es spöttisch: „Sobald ich Geld hab / sobald ich kann/ verlass ich Stuttgart / und gehe nach Marzahn. / Was soll ich denn im Westen? / Im Osten ist’s am Besten.“ Die überzeugten West-Berlinerinnen spotten gerne über das Berufsberlinertum zugereister Wahl-Ossis und Neigungshauptstädter: „Berlin steht plötzlich für irgendetwas, das sich vermarkten lässt. Man castet ein paar Musikstudenten aus München oder New York zusammen, schneidet ihnen einen Iro und erklärt sie zu Berliner Punks. Das finden wir leider albern.“

Darum werden sie weiterhin mit lokalpatriotischen Wimpeln wedeln. Sie dürfen das. Denn mit Cobra Killer hat Berlin einen eigenen Act geboren, der mit den derzeit so populären Kandiern mindestens mithalten kann.

Cobra Killer: „76/77“ (Monika/Indigo). Record-Release-Konzert am 25. November ab 20 Uhr im SO 36, Oranienstr. 190 (Kreuzberg). www.cobra-killer.de

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