Kultur : Was vom Wissen übrig bleibt

Auch Nietzsche wohnt hier nicht mehr: Zwei Berliner Konzeptkünstler erforschen leere Räume

Julia Amalia Heyer

Der Raum wirkt weder verlassen noch ist er leer. Hell ist er und die hohen Regale sind vollgestopft mit Kisten, Plakaten, Papierrollen, Büchern, Katalogen, Krimskrams. Vor zwei großen Fenstern steht auf einem langen Schreibtisch die Staffelei der Postmoderne, ein kleines silbernes Notebook. Im Atelier von Nina Fischer und Maroan el Sani im Hinterhaus der Auguststraße 26 gurgelt der Wasserkocher, und das Künstlerpaar erzählt von früher: Die erste Ausstellung im Tacheles Anfang der Neunziger, die sie selbst organisiert haben, ihre Bar B.Friedrich in der Tucholskystraße, die jetzt ein Comicladen ist – kurz, von Berlin, dem Utopia für Kreative und deren Dunstkreistummler. Seit 1993 arbeiten die beiden zusammen, kurz vor dem Mauerfall sind sie aus Emden und Duisburg nach Berlin gekommen, und seit jener „ersten Stunde“ thematisieren Fischer und el Sani, 1965 und 1966 geboren, ein Berliner Phänomen: verlassene, brachliegende und deswegen scheinbar Sinn-verlorene Räume.

Das Meisterstück für diejenigen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, ist immer noch der ausgeräumte Palast der Republik. Den haben sie 2002 im Maßstab 1: 50 als wummernd-vibrierendes Modell ihres Wunschclubs nachgebaut – aus Holz, Plexiglas und Betonplatten, mit Jeansdach. Das Berliner Heute- hier-morgen-dort dokumentieren Fischer/el Sani anhand seines Nachtlebens. Für „Klub 2000“ fotografierten die beiden Künstler Eingänge zu so genannten Phantomclubs, ständig wechselnden Locations in Mitte – bei Tageslicht.

2005 waren Fischer und el Sani für ein halbes Jahr in Paris – dem urbanen Gegenentwurf zur deutschen Hauptstadt, wo Künstler Großgrundbesitzer sein dürfen. Die beiden haben dennoch ihren Platz gefunden: Das seit ihrem Umzug leer stehende Gebäude der Bibliothèque Nationale de France. Ihre Ausstellung „Toute la mémoire du monde“ – alles Wissen dieser Welt – ist nun im Vorderhaus der Galerie Eigen+Art zu sehen. Einem Dokumentarfilm des französischen Regisseurs Alain Resnais entliehen, steht der Titel als Inschrift über dem Eingang zu den Magazinen der alten Nationalbibliothek in Paris. Dort drehte Resnais 1956 seinen Film. Ein halbes Jahrhundert später ist der mittlerweile verwaiste Jugendstilbau in der Rue Richelieu Kulisse für Fischer/el Sanis eigenes Projekt. Inspiriert von Resnais filmten und fotografierten sie in dem prächtigen Lesesaal unter den reich verzierten Wölbungen des Kuppelbaus. Nun wird der Film in ihrer Galerie auf die Rückseite eines großen weißen Regals projiziert, das als Teil der Installation ein Pars pro toto für die elf Etagen leerer Magazine in Paris darstellt. Langsam laufen, von zwei Beamern parallel an die Regalwand geworfen, Bilder von ausgeräumten Archiven neben Bildern vom ausgestorbenen Lesesaal. Die Kamera gleitet vorbei an leeren Regalen und verlassenen Tischen, die jadegrünen Leselampen leuchten. Vereinzelt sitzt ein Mensch an einem Tisch. Ein glatzköpfiger Mann bricht in Lachen aus. Man hört nichts – außer Musik. Die crescendiert dramatisch und grausam. Die Kamera als Flaneur in der Endlosschleife, die Sequenzen gefilmter Leere verstören. Fischer und el Sani stellen in bewegten Bildern die Existenzfrage der Aufklärung. Die Bibliothek als das Gedächtnis mehrerer Zeitalter ist ausgeräumt. Das Wissen wurde digitalisiert und zu Datenhäppchen verarbeitet, die leeren Regale künden vom Ende einer Epoche. Die Informationsgesellschaft ist das Privatissimum für Passwortkenner.

Dass verlassenes Terrain nicht nur Beklemmung hervorruft, dass man diese Leere durchaus auch ironisieren kann, zeigen die Arbeiten von Fischer/el Sani im Auswärtigen Amt: Im siebten Stock tafeln Diplomaten vor einem hellblauen Fleck auf schwarzem Grund, weichholzgerahmt hinter Glas. Der Fleck wurde von Fischer/el Sani als Friedrich Nietzsches „Aura“ auf 50 mal 75 Zentimenter Fotopapier gebannt, eingefangen bei ihrem „Aura-Research“ in Nietzsches Taufkirche in Röcken. Auch Einsteins „Aura“, ein tiefblau fluoreszierender Strahlenkranz, hängt dort . Ein Kunstwerk verliert seine Aura durch Reproduktion, hat Walter Benjamin gesagt. Was aber wenn das Kunstwerk selbst die reproduzierte Aura ist?

Nina Fischer bläst sich den blonden Pony aus der Stirn: „Unsichtbares sichtbar machen, das hat uns fasziniert.“ Dafür haben Fischer/el Sani sich ein Kirlian-Gerät gebaut – ein Hochfrequenzapparat, bei dessen Aufnahmen die elektromagnetischen Felder im Raum sichtbar werden. Die Aura als bloßes physisches Energiefeld? El Sani nippt ruhig an seinem Tee: „Jedenfalls sind verlassene Räume nicht zwangsläufig leer.“ Sollten sie es trotzdem sein, so bleiben sie es meist nicht lange.

Toute la mémoire du monde, Eigen+Art, Auguststraße 26, bis 18. März, Di–Sa 11–18 Uhr. Die Ausstellung im Internationalen Club im Auswärtigen Amt, Kurstr. 36, ist bis 15. April nur nach Anmeldung unter Tel. (030) 5000 2960 zu sehen.

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