Kultur : Was wäre geschehen, wenn . . .

Gerald Glaubitz

Niall Ferguson, Professor für Moderne Geschichte in Oxford, hat schon mit seinem alternativen Geschichtsszenario zum Ersten Weltkrieg Furore gemacht. Die große Publikumsresonanz resultierte auch aus der Art seiner Fragestellung, die ein jeder selbst kennt: Was wäre geschehen, wenn ich dieses oder jenes getan beziehungsweise nicht getan hätte? Wäre mein Leben anders verlaufen? Warum sollte sich die Geschichtswissenschaft nicht mit den Fragen beschäftigen, die im alltäglichen Leben gang und gäbe sind? Sie darf und muß es sogar, wie Ferguson dem Leser auf intellektuell eindrucksvolle, dabei spannende und gut lesbare Weise demonstriert.

Bei der virtuellen Geschichtsschreibung geht es keineswegs darum, Alternativen für historische Ereignisse durch beliebige Spielereien zu entwickeln, um damit das nach geschichtlicher Fiktion dürstende Publikum zu unterhalten. Vielmehr handelt es sich um einen "seriösen", quellenmäßig gesicherten Ansatz. Allein der Verweis auf die chaosartige Struktur der uns umgebenden Wirklichkeit, die bei der kleinsten Veränderung der Bedingungsfaktoren andere Geschichtsabläufe immer ermöglicht, macht das deutlich.

Nach dem einleitenden Aufsatz des Herausgebers wird die Theorie auf sechs Fallbeispiele übertragen, die sich auf wesentliche epochemachende Ereignisse der Geschichte unseres Jahrhunderts beziehen. Die Spannweite der kontrafaktischen Szenarien reicht von der Frage, was passiert wäre, wenn England sich aus dem Ersten Weltkrieg herausgehalten hätte, über diejenige nach dem historischen Verlauf, wenn es einen Kalten Krieg nicht gegeben hätte, bis zu Alternativen für den Fall, daß der amerikanische Präsident John F. Kennedy das Attentat überlebt hätte.

Das herausragende Beispiel des Buches ist jedoch zweifellos der Zusammenbruch der UdSSR und der nachfolgendende Fall der Berliner Mauer, der uns immer noch wie ein "Wunder" erscheint. Bemerkenswert ist dabei, daß der Zusammenbruch des Ostblocks in Wissenschaft und Öffentlichkeit zunehmend als unvermeidlich angesehen wird - obwohl, darauf weist der Autor Mark Almond mit Recht hin, es noch 1988 kaum einen Politiker und Wissenschaftler gegeben hat, der nicht felsenfest vom langen Fortbestand der östlichen Supermacht ausgegangen wäre. Nachdenkenswert im Sinne einer virtuellen Geschichtsbetrachtung ist, daß sich gleichsam hinter dem Rücken der damaligen Zeitgenossen gerade das Szenario (aus vielen anderen denkbaren) durchgesetzt hat, das von handelnden Akteuren und politischen Beobachtern selbst als das unwahrscheinlichste angesehen wurde.

Almond macht auf teilweise erfrischend polemische Art und Weise deutlich, daß der Zusammenbruch der UdSSR bei alternativen Handlungskonzepten der Akteure keineswegs unvermeidbar war. Mit Hilfe detaillierter und plausibler alternativer Szenarien zeigt der Autor, daß die UdSSR heute noch - mehr schlecht als recht - existieren könnte, wenn nicht die von Teilen der Parteiführung in Gang gesetzte, systemsprengende Dynamik der Reformen ein nur im Vergleich zum Westen ökonomisch bankrottes und ideologisch erstarrtes System zum Untergang verdammt hätte. Als ultima ratio politischer Herrschaftssicherung hätte der Massenprotest gegen die alte Ordnung noch durch die Macht der Gewehre (wie in China) unterdrückt werden können.Niall Ferguson (Hrsg.): Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert. Primus, Darmstadt 1999, 343 Seiten. 58 DM.

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