Kultur : Was wäre geschehen, wenn

Freispruch für Jesus: zwei Bücher über echte und virtuelle Wendepunkte der Weltgeschichte

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Sarajewo 1914. Wenn in diesem Moment kein Attentäter auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand geschossen hätte? Die serbischen Nationalisten hätten ihn an der nächsten Ecke erwischt: Der Erfolg der Verschwörer „war zu erwarten“, schreibt Alexander Demandt. Die Mörder waren vorher bereits sieben Mal nur knapp gescheitert. Foto: laif
Sarajewo 1914. Wenn in diesem Moment kein Attentäter auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand geschossen hätte? Die...

Berlin bereitet sich im April 1964 auf die Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag des Führers vor: So beginnt Robert Harris’ Thriller „Vaterland“, in dem Adolf Hitler den Krieg nicht verloren hat. Monica Ali, Engländerin wie Harris, sitzt gerade an einem Roman, der das weitere Leben einer Diana sehr ähnlichen Prinzessin erzählt, die beim Autounfall nicht ums Leben gekommen ist.

Die kontrafaktische Erzählung ist faszinierend und verführerisch, weil sie die Geschichte aus den Angeln hebt; einen guten Ruf genießt sie nicht. „Was wäre, wenn die Griechen bei Marathon verloren hätten?“ geht als Abiturthema vielleicht noch durch, als wissenschaftlich seriös gilt die Fragestellung nicht. Wer sie beantwortet, spekuliert, stellt Fiktion her, landet bei „Forrest Gump“, nicht bei Ranke. Geschichte wirkt, weil sie so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist, als alternativlos. Diesem Eindruck setzt die kontrafaktische Geschichtsschreibung ein Gedankenspiel entgegen, das darauf basiert, dass, wie der Historiker Alexander Demandt schreibt, plausible Alternativen „mit historischer Sachkenntnis und disziplinierter Phantasie stets vorstellbar“ sind. So erlaubt die Frage „was wäre, wenn“ ein Überprüfen von Begründungen, Handlungsspielräumen und Kontinuitäten, also von historischen Kausalzusammenhängen.

Das Spielerische dieser Methode übt seinen Reiz vor allem auf Autoren aus, denen die Zwangsläufigkeit der Dinge nicht selbstverständlich ist. In Deutschland kommt sie daher nur selten zum Einsatz. So löste vor einigen Jahren der Historiker Niall Ferguson, ein prominenter Vertreter der virtuellen Geschichtsschreibung, eine Kontroverse aus, als er in „Der falsche Krieg“ die positive Entwicklung beschrieb, die Europa nach einem deutschen Sieg im Ersten Weltkrieg genommen hätte. Alexander Demandt, der sich schon vor vielen Jahren einmal mit der „ungeschehenen Geschichte“ beschäftigt hat, greift nun ebenfalls in seinem Band „Es hätte auch anders kommen können“ den Ersten Weltkrieg als einen Wendepunkt der deutschen Geschichte auf. Bei Demandt ist der Waffengang „hochgradig determiniert und hätte des Attentats von Sarajewo nicht bedurft“. Ein Sieg der Deutschen über Frankreich in der Marne-Schlacht hätte zwar Versailles verhindert, aber das Patt innerhalb Europas möglicherweise nur in die Länge gezogen – bis zur nächsten militärischen Auseinandersetzung.

Demandt präsentiert nicht die große andere Erzählung, er dreht stattdessen die kleinen Stellschrauben ein wenig in die, ein wenig in die andere Richtung. Diese Zurückhaltung ist Prinzip: „Kontrafaktische Entwürfe, die den Handelnden unhistorische moralische Eigenschaften zumuten, sind realitätsfern.“ Seine Schlussfolgerungen bleiben entsprechend realitätsnah: Auch wenn die Griechen bei Marathon verloren hätten, hätte sich ihr Freiheitsgedanke nach einem spartanischen Sieg gegen die Perser durchgesetzt; auch wenn Franz Ferdinand den 28. Juni 1914 überlebt hätte, wären die Attentäter früher oder später erfolgreich gewesen; auch wenn Hitler 1944 ermordet worden wäre, wäre es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu einem Friedensschluss gekommen. Die größte Wende der Geschichte hätte aus seiner Sicht ein Freispruch Jesus’ durch Pontius Pilatus verursacht: Ohne Kreuzigung kein Christentum, kein christliches Römisches Reich, kein Christentum als Weltreligion. Die Welt sähe heute anders aus.

Demandt, eben doch der seriösen Wissenschaft verpflichtet, bleibt sonst nah an den Fakten. Was passiert wäre, wenn es nicht Griechen-, Römer- und Christentum in unsere Kultur hineingestrahlt hätten, ließe sich, schreibt Demandt, nur erahnen, und diese Grenze will er offenbar nicht überschreiten.

Alexander Demandt nennt seine kontrafaktischen Überlegungen ein „heuristisches Gedankenspiel“. Man kann dieses Spiel auch anders spielen: In dem Sammelband „Literatur, die Geschichte schrieb“ geht es um den Einfluss von Fiktion auf die Fakten. Auch hier ist Spekulation und Spielerei gefragt: Hat Joseph Conrads „Herz der Dunkelheit“ die Haltung der europäischen Kolonialisten verändert? Sicher nicht über Nacht. Auch die Antikriegsschriften „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ und „Im Westen nichts Neues“, beide 1928 in Deutschland erschienen, haben den Gang in den Zweiten Weltkrieg nicht verhindern können. Erich Maria Remarque war sich seiner historischen „Erfolgslosigkeit“ durchaus bewusst, wie er in einem Interview 1963 einräumte.

Konkrete Belege, wie Literatur Geschichte geschrieben hat, also Kausalzusammenhänge, bleiben die Autoren – verständlicherweise – schuldig. Romane stellen keine historischen Wendepunkte her, sie sickern im besten Fall in den gesellschaftspolitischen Diskurs ein. Die Autoren konzentrieren sich daher auf die Rezeptionsgeschichte der Werke, auf die langfristige Wirkung von Büchern wie Bertha von Suttners „Die Waffen nieder!“, Harriet Beecher Stowes „Uncle Tom’s Cabin“ oder Theodor Herzls „Altneuland“. Dass eines dieser Werke den „Gang der Geschichte“ beeinflusst hat, wie Dirk van Laak schreibt, ist kaum belegbar; ohne historische Wirkung, das wird sehr deutlich, blieben sie dennoch nicht.

Umso erstaunlicher, dass Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“, der vermutlich geschichtswirksamste Roman des 20. Jahrhunderts, nur kurz in der Einleitung erwähnt wird. Denn gerade dieser Roman, in dem Koestler die Fakten der Moskauer Prozesse und die eigene Biografie fiktionalisiert, und der dann als Fiktion für viele zu einer Neubewertung des realen stalinistischen Regimes führte, dokumentiert eindrucksvoll die komplexe, selten klar kausale Beziehung von Fiktion und Fakt. Was geschehen wäre, wenn Arthur Koestler im Franco-Gefängnis umgekommen wäre und „Sonnenfinsternis“ nicht geschrieben hätte? Eine faszinierende Frage, aber seriös nicht zu beantworten.

Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte. Propyläen Verlag, Berlin 2010. 286 Seiten, 19, 95 Euro.

Dirk van Laak (Hg.): Literatur, die Geschichte schrieb. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011. 285 Seiten, 24,95 Euro.

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