Kultur : Waschen, Bügeln, Beten

Kerstin Decker

Es gibt Berufsgruppen, die sind im Kino noch immer benachteiligt. Nein, nicht die Angestellten. Seit Billy Wilder nicht mehr. Aber der untere Mittelstand. Was ist mit Nonnen und kleinen Wäschereibesitzern? Der Italiener Giuseppe Piccioni ist ein Regisseur, den die Unterscheidungsbewussten gern "alternativ" nennen. Also ist er prädestiniert für Nonnen- und- Wäschereibesitzerfilme.

Aber sollte er zuerst den Film über die Nonne und dann den Film über den Wäschereibesitzer machen? Der Regisseur traf einen ungewöhnlichen Entschluss: Er machte einen Film über beide zusammen.

Interessant an Minderheiten ist, dass sie sich untereinander auch nicht besser verstehen als wir sie. Warum sind Sie eigentlich Nonne geworden?, fragt der Wäschereibesitzer mit einem Restglitzern geistiger Erregung in den Augen. Die Nonne fragt kühl zurück: Und wie sind Sie auf die Idee mit der Reinigung gekommen?

Nun ist es so, dass man das von vielen entscheidenden Dingen im Leben nachher nicht mehr genau weiß. Aber Gott, das ist was anderes. Gott passiert einem nicht einfach so. Gott erbt man nicht von seinen Vorfahren wie eine Wäscherei mit neun Angestellten. Dass der Wäschereibesitzer einmal viel größer von sich und der Welt dachte - vielleicht sogar von Gott -, man erkennt es noch an seinen Fragen: Nehmen wir mal an, Gott existiert wirklich. Warum zeigt man seine Liebe zu Gott dann in so schrecklich übertriebener Weise? Die Nonne blickt dem Wäsche-Mann mitten ins Gesicht: Weil die Liebe immer übertreibt!

So unterhalten sich zwei, die schon lange von der Liebe ausgeschlossen sind. Und die es voneinander ahnen. Zwei in dem Alter, wo man beginnt zu begreifen, dass das Leben selbst eine Übertreibung ist. Größer von sich und der Welt denken - das ist lange her. Und doch kommen beide noch einmal in diese Verlegenheit, als ein wildfremder Jogger im Park Caterina, der Nonne, ein Baby in den Arm legt. Und dann findet Caterina Ernesto, den Wäschereibesitzer, weil sie auf der Suche nach der Mutter des Kindes ist.

Das Baby - von Caterina bald Fausto genannt - ist Giuseppe Piccionis Kunstgriff, zwei Menschen dem Leben zurückzugeben. Sie haben jetzt eine Vorgeschichte, die sie nicht mehr abschütteln können. Eine Vorgeschichte aus Enttäuschungen auch. Giuseppe Piccioni hat einen Film gemacht über die Narben, die jeder mit sich herumträgt. Und wir ahnen - jedesmal wenn wir in Silvio Orlandos kongeniales Wäscherei-Besitzergesicht schauen (das früher bei Nanni Moretti schon mal ein kongeniales Kofferträger-Gesicht war) -, dass manche Seelen nur noch aus Narben bestehen. Er ist ein Großstadtsingle, seine Tage sind Waschen, Bügeln, Legen, und doch ist Ernesto Künstler genug, sich selbst große Aufmerksamkeit entgegenzubringen.

Andere Menschen beachtet er nicht mehr; nicht mal die Namen der Angestellten seiner Wäscherei kann er sich merken. Also weiß Ernestos Körper, was er als einziges Objekt wirklicher Anteilnahme seinem Besitzer schuldig ist: Die Anfälle von Atemnot, von Unwohlsein häufen sich. Und als die Nonne ihn im Krankenhaus besucht - niemand besucht Ernesto sonst -, will er es genau wissen: "Warum sind Sie gekommen? Wären Sie auch gekommen, wenn ich jemand anderes wäre?" - "Ja, natürlich!", antwortet Caterina mit nonnnenhafter political correctness. Ernesto ist enttäuscht. Sie ist eben doch keine richtige Frau, nur eine Nonne.

Keine richtige Frau, nur eine Nonne. Als Caterina das Findelkind im Arm hält, empfindet sie es stärker, als sie sollte. Sie ist das Neutrum, dem man ein fremdes Baby in die Hand gibt. Das gute Herz, aber eins ohne eigene Wünsche. Nun gut, Caterina kann die Vorzüge der ewigen Liebe gegenüber der vergänglichen Liebe gut erklären - auch legt Gott nie die Füße auf den Tisch -, aber sogar Ernesto schläft bei ihrem Vortrag ein. Nur dass ihre Mutter Caterinas Entschluss, Nonne zu werden, von ganzem Herzen missbilligt, bereitet ihr noch immer Genugtuung. Warum willst du dein Leben so wegwerfen?, möchte sie immer wieder wissen. Weil ich mich hier Gott widmen kann, antwortet Caterina dann aus einer Fülle des Glaubens heraus, die sie zunehmend seltener fühlt. Immer war dir jemand wichtiger als deine Mutter, resigniert die alte Frau.

Margherita Buy und Silvio Orlando geben der Nonne und dem Wäschereibesitzer alle Resignation und Hoffnung, deren Menschen fähig sind. Wenn die Gabe der Beseelung einen Film zum Kunstwerk macht, dann ist "Nicht von dieser Welt" eines. Beseelung ist eine Frage der Details, der Genauigkeit der Beobachtung, von Distanz und Wärme. Wir sehen Caterina in strenger Tracht Altkleider sortieren, eins hält sie hoch und fragt ihre Mitschwester mit aufrechter, weiblicher Empörung: "Würdest du sowas anziehen?" Das sind die wahren Fallhöhen unserer endlich-unendlichen Seele.

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