Wassermusik : Die perfekte Welle

Götzen, Bretter, Bärte: Das Haus der Kulturen feiert mit einem Festival die Popgeschichte des Wassers.

Bodo Mrozek

Am Anfang, als die Erde noch wüst war, leer und finster, da hatte es mit dem Wasser schon eine besondere Bewandtnis. Der Geist schwebte nicht etwa über dem Feuer, dem Himmel oder der Erde. Er schwebte über dem Wasser. Seit jenen alten Tagen hat das Wasser nicht an Bedeutung eingebüßt. Im Gegenteil, es spricht einiges dafür, dass das nasse Element das beherrschende des 21. Jahrhunderts sein wird. Glaubt man den Auguren, könnte der steigende Meerespegel ganze Landstriche verschlingen. Und im trockenen Teil der Welt verknappt es sich als Ressource derart, dass bereits Wasser-Kriege vorausgesagt werden.

Die Popkultur nähert sich dem Wasser meist fröhlicher. Dabei trinkt sie gerne von uralten Mythen und Traditionen. Das Surfen etwa, einer von drei Schwerpunkten beim Wassermusik 08-Festival im Haus der Kulturen der Welt, hat stets eine magische Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Die Kulturtechnik selbst stammt aus vorchristlicher Zeit. Um 500 vor Christus entdeckten polynesische Ureinwohner die Fun-Sportart auf dem Ozean und kultivierten sie als Ritus, um den Meeresgöttern zu huldigen. Von dieser Verbindung der archaischen Kraft des Urelementes Wasser, heidnischen Blumenopfern und dem Körperkult von Muskelkraft und brauner Haut lassen sich bis heute immer wieder Musiker inspirieren.

Surf, seit Anfang der sechziger Jahre ein Label für hart durchrhythmisierte Gitarrenmusik, feiert derzeit in Osteuropa ein neues Revival. Junge Bands beleben die Tradition der „roten Gitarren“ neu, die in realsozialistischen Zeiten oftmals politisch aneckten, aufgrund ihres gesangsfreien Instrumentalsounds aber klandestin verbotene westliche Musik spielen konnten. Das Duo Messer Chups aus St. Petersburg verbindet Neo-Gothic-Posen mit der kalifornischen Musik-Tradition (Konzert am 11.7., 19 Uhr), die einheimische Leopold Kraus Wellenkapelle (10.7., 19 Uhr) ironisiert sich als „offizielle Band des deutschen Wellenreiterverbandes“, bietet aber eine gänzlich unbürokratische Musik. Der Höhepunkt dürfte jedoch das Konzert der Surfaris werden (10.7., 20.30 Uhr). Die kalifornische Band um Jim Fuller gilt neben Dick Dale, dem unbestrittenen King of Surf-Guitar, als historische Größe. Ihr Stück „Wipe Out“ beschwört den Moment, in dem es den Surfer vom Brett reißt, und katapultierte die Band an die Spitze der Billboard Charts.

Doch nicht nur Musiker, auch Schriftsteller von Jack London bis Maike Wetzel wagten sich auf die Bretter, die die Welt bedeuten, und suchten das Ur-Erlebnis in Worte zu kleiden. Der jüngste Surf-Roman stammt von einem in Berlin lebenden Amerikaner. Kevin McAleer liest (11.7., 18 Uhr) aus seinem fulminanten Roman-Debüt „Surfer Boy“ (Seeliger Verlag), dessen erste Auflage bereits vergriffen ist.

Eng mit der Surf-Kultur verbunden ist der Tiki-Kult, der seit einigen Jahren auch über Berlin schwappt. Tiki ist der Name einer polynesischen Götzenfigur, ursprünglich ein Fruchtbarkeitssymbol. Während der Exotismuswelle der fünfziger Jahre wurde sie zum Synonym westlicher Tropensehnsucht. Der deutsche Sammler Sven A. Kirsten, der in Los Angeles als Kameramann lebt, machte ihn in seinem „Book of Tiki“ (Taschen) weltweit bekannt. Die amerikanischen Begründer des Tiki-Stils, zu entdecken bei der Premiere des Dokumentarfilms „Armchair Travelling into the World of Tiki“ von Jochen Hirschfeld (24.7., 22 Uhr), waren meist im Wortsinn gestrandete Persönlichkeiten, die mehr Zeit in Beach-Bars als in Bibliotheken verbrachten.

Barmixer und Interieur-Designer wie Don the Beachcomber oder Trader Vic werden mittlerweile weltweit als Stil-Ikonen gefeiert. Auch die ursprünglich als seichte Hintergrundmusik belächelten Klänge eines Martin Denny oder Arthur Lyman werden neu bewertet. Jüngstes Opfer des Tiki-Virus ist der Einstürzende-Neubauten-Musiker Jochen Arbeit, der unter dem Namen Latin Lovers ein zehnköpfiges Tiki-Ensemble inklusive Bläser dirigiert (24.7., 19 Uhr). Inspiriert habe ihn die kanadische Künstlergruppe um Laura Kikauka und Gordon Monahan, die seit Jahren als Tiki-Botschafter im Berliner Untergrund wirken.

Das Wassermusik 08-Festival, bei dem es auch Vorträge von Meeresbiologen, Diskussionen und Präsentationen von NGOs geben wird, soll bei Erfolg im kommenden Sommer in eine neue Runde gehen. Die erste Ausgabe ist in jedem Fall schon jetzt eine Überraschung: Allein das von Detlef Diederichsen kuratierte Musik-Programm hätte man eher auf einem Rock’n’Roll-Festival erwartet als in einer staatlich geförderten Institution. Doch nach dem Willen von Intendant Bernd M. Scherer, der sich als Goethe-Instituts-Leiter in Mexiko Stadt bereits mit dem Wasserproblem beschäftigte, will sich das HdKdW künftig zum Wasser hin öffnen und auch die Rückseite des Hauses mit Open-Air-Bar und Terrasse verstärkt bespielen. Und da fließt – Tiki hin und Surf her – bekanntlich immer noch die Spree.

Wassermusik 08, 10. bis 27. Juli, Haus der Kulturen der Welt, Info: www.myspace.com/festival_wassermusik.

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