Kultur : Weder Fetisch noch Folklore

Die Galerie Peter Herrmann zeigt alte Kunst aus Afrika

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Die Frage, ob afrikanische Masken Kunst sind oder eher Kultgerät, stellt sich für Peter Herrmann nicht. Diese Frage ist für ihn überholt. Seit einem Jahrhundert werden afrikanischen Artefakte in Europa gehandelt und gesammelt, nicht anders als Marienstatuen oder Altarbilder aus unseren Breiten, die sich genauso wenig dem modernen Konzept der autonomen Kunst verdanken. Nachdenklich stimmt dann aber beim Besuch der Berliner Ausstellungsräume Herrmanns Hinweis, die Nkoh-Maske des Kwifon-Geheimbundes würde er nicht jedermann verkaufen – sie könne Schaden anrichten.

Die Maske ist Teil einer Best-of-Show alter afrikanischer Kunst aus der Sammlung des Galeristen. Die Kraft der Nkoh-Maske (35 000 Euro) sei sehr stark, so Herrmann, sie verkörpere geradezu „das Böse“. Im Kameruner Grasland von den Notablen eines Männerbundes getragen, verwandelt sie ihren unter Drogen gesetzten Träger während des Rituals in eine Art Furie. Hielten den Maskenträger nicht Seile in Zaum, würde er bedenkenlos alles niederknüppeln. Doch auch ohne dieses Hintergrundwissen hat die hölzerne Maske mit ihren wirren langen Haaren und dem gehässigen Grinsen im Gesicht etwas Furchteinflößendes.

Aber nicht alle Masken stehen mit dem Bösen im Bund. Innerhalb seiner Auswahl aus West- und Zentralafrika zeigt Herrmann auch eine Büffelmaske der Chamba aus Nigeria (1800 Euro), die mit ihrem riesigen Maul bei Fruchtbarkeitsfesten eingesetzt wird. Und es gibt eine autoritär wirkende Ahnenfigur der Urhobo aus Nigeria (45 000 Euro), die selbst in Berlin Kind und Tier auf seltsame Weise beeindruckte, wie Herrmann berichtet. Grotesk wie eine Faschingsmaske mit ihren wülstigen roten Lippen, dem kleinen Totenkopf und dem Sarg als Haarschmuck scheint dagegen ein Kopf aus Holz, Bast und Schuhsohle aus Nigeria. Tatsächlich entstand dieses Stück (2400 Euro) eher als Teil der modernen Folklore, bei der populäre Elemente – wie etwa die Totenkulte aus Mexiko – nach Afrika reimportiert werden.

Herrmann, der selbst lange Jahre in Afrika verbracht hat und zwei afrikanische Sprachen spricht, gehört nicht nur zu den Kennern der afrikanischen Kunst, sondern verfügt auch über die unabdingbaren persönlichen Kontakte auf dem schwarzen Kontinent. Das ermöglichte ihm den Erwerb einiger spektakulärer Stücke, die in Europa selbst in Museen ihresgleichen suchen.

Das gilt etwa für die Tupuri-Bronzegruppe aus dem Grenzgebiet Kamerun/Tschad mit den Stationen aus dem Heranwachsen eines Königs. Die vier Stücke (750 000 Euro), deren Material zu ihrer Entstehung mit Gold aufgewogen wurde, stammen vom Beginn des 19. Jahrhunderts und haben mit den Holzidolen oder Ahnenfiguren der Stammeskunst nicht mehr viel gemein. Hier handelt es sich um handwerklich extrem elaborierte Methoden, die in Werkstätten über Jahre hinweg für höfische Repräsentationszwecke entwickelt wurden. Vom Säugling an der Brust über den Knaben an der Hand der Mutter bis zum thronenden Erwachsenen mit dem Würdestab zeigen die vergleichsweise realistischen Figurendarstellungen eine feine bildhauerische Durcharbeitung. Ähnlich Zeugnisse dieser Erinnerungskultur liefern die drei Porträtköpfe zum Gedenken an wichtige Persönlichkeiten aus Benin-City aus dem 18. und 19. Jahrhundert (zwischen 60 000 und 80 000 Euro), die so anmutig erscheinen, dass man selbst den General für eine Frau halten könnte.

Gemäß einer Erhebung des Wirtschaftsmagazins „Capital“ hat sich die afrikanische Kunst in den letzten 100 Jahren als stabilstes Segment des Kunstmarkts überhaupt herausgestellt. Die Verknappung des Angebots – trotz der vielen gefälschten Repliken von hochpreisigen Vorbildern – und die wachsende Wertschätzung auch für zeitgenössische afrikanische Kunst wird diesen Trend eher noch stützen: Zur diesjährigen Documenta wurden neben anderen auch zwei Künstler eingeladen, die Herrmann international vertritt. Wer sich der geheimnisvollen Kraft der antiken Stücke gewachsen fühlt, sollte also mit seinen Erwerbungsabsichten nicht lange warten. Preissteigerungen können jetzt noch garantiert werden. Ronald Berg

Galerie Peter Herrmann, Uhlandstraße 184, bis 21. September; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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