Kultur : Weiche Ware

Maus statt Pinsel: Das Digital Art Museum kämpft für die elektronische Kunst

Nicola Kuhn

Das Ganze sei doch hochphilosophisch, zugleich topaktuell. Ein wenig klingt das Hessische durch, wenn sich Wolf Lieser für die digitale Kunst in Fahrt redet. „Schließlich leben wir in einer Zeit, in der wir uns auch die perfekte Tomate züchten können – drei Wochen lang haltbar, schnittfest, geruchsintensiv dazu.“ Als Gründer des Berliner Digital Art Museum handelt der 48-Jährige sozusagen mit den Gen-Tomaten der Kunst. Sämtliche Werke seiner Galerie sind am Computer generiert – also komplett künstlich: über Jahrzehnte haltbar und veritable Bilder. Nur nach Farbe riechen sie nicht.

Diese Eigenschaften haben der vor einem halben Jahrhundert, mit Beginn des Computer-Zeitalters begründeten digitalen Kunst von jeher nicht nur das Interesse der Experten eingebracht, sondern auch das Misstrauen der Kunstgemeinde. „Bis vor wenigen Jahren galt es als geschäftsschädigend, wenn ein Künstler bekannte, dass er mit dem Computer arbeitet“, empört sich Lieser. „Die meisten glaubten, der Computer und nicht der Künstler produziere das Werk.“

Digitalkunst hat es nicht leicht, denn das breite Publikum will nach wie vor die Hand des Meisters sehen, das Genialische der klassischen Malerei. Da hilft es auch nicht, dass sich etwa die Konzeptkunst, bei der ebenfalls die Autorschaft vollkommen zurückgenommen ist, längst durchgesetzt hat. Erschwerend kommt die Nähe zum Gebrauchsgegenstand PC hinzu. Ebenso wie im Alltag ist der Rechner auch aus der Kunst schon lange nicht mehr wegzudenken: in der Fotografie ohnehin, mehr und mehr auch in der Malerei und Bildhauerei als virtuelles Skizzenheft. Diese Vorbereitungen am Bildschirm haben nicht zuletzt einen klassischen Bildhauer wie Gerhard Mantz dazu verleitet, fortan nur noch zweidimensional zu arbeiten. Seine metergroßen künstlichen Gärten und Fantasielandschaften druckt er am Ende dennoch solide auf Leinwand aus.

Der Berliner Doyen der digitalen Kunst ist ebenfalls in der Sommerausstellung „Old Gems“ des DAM vertreten, die sich den historischen Stationen der Computerkunst widmet. Jahrzehntelang von der Kunstgeschichte missachtet, betreiben die Elektroniker nun selbst die Aufarbeitung ihres Erbes. Was von Kraftwerk bis Karlheinz Stockhausen in der Musik längst üblich ist, soll nun auch in der Kunst gelten. Digital ist besser, singt schließlich auch die Band Tocotronic. Die Eröffnung des zuvor schon online besuchbaren DAM vor zwei Jahren in Berlin-Mitte ist da ein wichtiger Schritt. Der vor wenigen Tagen von Lieser gemeinsam mit einer Vertreterin der Kulturstaatsministerin vorgestellte Computerkunstpreis (20000 Euro) zur Würdigung eines Lebenswerks dient ebenfalls den höheren Weihen. Die Beteiligung der Kunsthalle Bremen und der Kölner Kunstmesse spricht für eine zunehmende Öffnung der Institutionen.

Was aber unterscheidet diese digitale Kunst etwa von den Werken eines Andreas Gursky oder Jeff Wall, deren Fotoarbeiten ebenfalls ohne die Hilfe eines Rechners nicht vorstellbar wären? Ganz einfach: Sie entstammen komplett dem Computer. Oder kleine Prozessoren erhalten sie am Leben wie bei den interaktiven Objekten des Schweizers Quido Sen, dessen Kartoffelsack in der DAM–Ausstellung regelrecht atmet und Pfeiftöne von sich gibt. „Sehen Sie“, sagt Lieser, ganz verzaubert von dem an einem Ast hängenden, orangefarbenen Nylonnetz, das sich unmerklich bewegt: „Das ist es eben – künstliches Leben.“ Die 2002 entstandene Installation steht für die dritte Phase der Computer-Kunstgeschichtsschreibung, die Mitte der Neunziger beginnt und in der das Internet die Möglichkeiten explodieren lässt. Ähnlich wie in der Fotografie, nur sehr viel schneller entwickeln die digitalen Artisten nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten ihre eigene Kunstsprache, humorvoll, hintersinnig, ja poetisch wie die sich sanft wandelnden Bilder Holger Lippmanns, die nur ein Banause als Bildschirmschoner beschreiben würde. Lieser macht das gleich ärgerlich: „Kommen Sie mir nicht damit,“ sagt er. „Das klingt genauso wie: Das kann mein Kind auch.“ Kann es natürlich nicht, auch wenn es heute schon eine Tastatur zu bedienen weiß, bevor es überhaupt schreiben gelernt hat.

An die Anfänge der Computerkunstgeschichte, in der es Rechner allein an den Universitäten und beim Militär gab, erinnert die Arbeit von Manfred Mohr, die auf einem Bildschirm fortlaufend neue konstruktivistische Kompositionen zeigt. Der Computerkunst-Altmeister kam damals nur nachts an den Computer ran, wenn die Uni-Labore offiziell geschlossen waren. Das künstlerische Schaffen bestand vornehmlich noch im Schreiben von Programmen.

Laurence Gartel, ein anderer Pionier, der noch Andy Warhol am Amiga Commodore unterwies und sich mit Nam June Paik in Buffalo ein Studio teilte, konnte da schon mehr mit den elektronischen Möglichkeiten spielen. Der Vater der Paintbox-Ära, der zweiten Computerkunstphase (1986 bis 1996), in der die Künstler mit Scannern, Filmrekordern und neuer Software zu experimentieren begannen, war seiner Zeit weit voraus. Das DAM zeigt von ihm Computerdrucke, in denen er das Verfahren bereits Ende der Siebziger einsetzt: poppig bunt, mit schnellen Autos und kurvenreichen Models, schwungvoll mit Goldstift signiert. Und plötzlich, endlich, weht da tatsächlich der Geist der Kunstgeschichte.

Digital Art Museum, Tucholskystr. 37, Mitte. „Old Gems“–Ausstellung: bis 28.August; Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Samstag 12bis 16 Uhr. Info: www.dam.org

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