Kultur : Welche Stimme, welche Lust

Oper im Wettbewerb: eine „Carmen“ aus Südafrika

Kerstin Decker

Dass wir den schwarzen Townships nur die Musik der Gegenwart verdanken, stimmt nicht. Aus Khayelitsha, einem südafrikanischen Wellblech-mit-Autoreifen-obendrauf-Viertel, kommt jetzt auch Musik von gestern, eine bemerkenswerte Polytonie. Bizets „Carmen“ in schwarz.

Man weiß es nicht erst seit Jessye Norman, wie schwarze Frauenstimmen in der Oper klingen. Gegen diese fast mühelose Kraft, Fülle und dunkle Tiefe sind wir beinahe stimmlos. Das müssen sich auch zwei Londoner Opern-Direktoren gedacht haben, als sie vor fünf Jahren in Südafrika nach Operntalenten suchten und vor lauter Finden bald gar nicht mehr suchen mussten. Ein Jahr später stand die Südafrika-„Carmen“ auf einer Londoner Bühne. Eine 100-Prozent-Carmen sollte die Stierkampfarena von Sevilla in der Stimme haben. Wenn Pauline Malefane den Mund aufmacht, hört man, dass sie uns keine Opern erzählt, sondern irgendeinen Urgrund zähmt. Nun ist die Berlinale nicht Bayreuth für Bizet und irgendeine filmische Eigenschaft muss schon dazukommen zu Pauline Malefane und den Originalnoten von Bizet.

Warum sollten sich die Südafrikaner von Sevilla Slums ausborgen? Slums haben sie selber. Und eine Sprache auch: Xhosa. Zum ersten Mal hören wir eine Oper in Xhosa. Was für eine Opernsprache: Wenn Bizet Xhosa gekannt hätte, hätte er sie sicher auch genommen. Aber Slum- und Sprachwechsel machen noch keinen vollgültigen Film. Sagen wir es so: Unter den Opernverfilmungen belegt „U-Carmen eKhayelitsha“ einen vorderen Platz. Das ist wunderbar choreographiert von Mark Dornford-May. Trotzdem ist Opernhandlungen meist nicht zu helfen und auch dieser hier letztlich nicht, darum möchte man manchmal nur die Musik hören und die Augen schließen. Aber ist das wirklich eine angemessene Reaktion im Kino?

Heute, 9.30 Uhr und 18.30 Uhr (Urania) und 22.30 Uhr (International)

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