Kultur : Welche Wonne, welche Lust!

KLASSIK II

Christine Lemke-Matwey

Es gibt Konzerte im Leben, die sind so schön, dass man tatsächlich die ganze Welt umarmen möchte – die Dame, die einem im Foyer des Konzerthauses ihren Rotwein über das Outfit kippen musste, inklusive. Es gibt Konzerte im Leben (nicht viele, aber es gibt sie!), die machen Kopf und Bauch und Sinn so leicht und frei, dass man sie am liebsten fünfmal hintereinander hören würde. Die semi-konzertante Aufführung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ zur Eröffnung des Zeitfenster-Festivals war ein solches Ereignis. Drei Ensembles (die an diesem Abend wirklich niederknieenswürdige Akademie für Alte Musik Berlin, das auf ausgelegten Kelims lungernde, Brettspiele spielende und Früchte verzehrende Vocalconsort Berlin sowie, an diversen Rassel- und Schlaginstrumenten, das Ensemble des Konservatoriums für Türkische Musik Berlin) wuchsen hier zusammen und zauberten ein Mozart-Brio hervor und eine Tiefe, einen jungen Ernst in alle Singspiel-Lust hinein, dass es eine Wonne war.

Nun ist es ja so neu nicht, gerade der „Entführung“ einerseits überhaupt mit alten Instrumenten zu begegnen und ihr andererseits ein paar türkisch-exotische Lichter aufzustecken. Die Art und Weise freilich, wie Jos van Immerseel daraus am Pult klingendes Leben formte, von einer geradezu erotischen Wachheit beseelt und immer auch die düsteren Seiten der Partitur beleuchtend, ihre Brüche, ihre Zweifel – das sucht doch seines Gleichen. Dabei bleibt Immerseel stets Musikant und als solcher bescheiden, den ideologisch-archäologischen Zeigefinger seiner Zunft scheint er schlicht nicht zu kennen. Grandios auch das junge, hoch motivierte Sängerensemble: Topi Lehtipuu als hinreißend lyrisch timbrierter Belmonte, Knut Schoch als pfiffiger Pedrillo und Thomas Mehnert als grollender Osmin. Selbst die beiden kurzfristig eingesprungenen Damen machten gute Figur, wobei sich die niedliche Jutta Böhnert als Blonde etwas leichter tat als Anna-Kristiina Kaappolas Konstanze. Und Bassa Selim war Dieter Mann: ein Weiser aus dem Morgenland, ein Herrscher mit Herz.

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