Kultur : Welcome in Vienna

CLAUDIA LENSSEN

"Welcome in Vienna", "Wien retour", "Ost und West" - im Filmprogramm der diesjährigen Jüdischen Kulturtage ist Wien ein Ort der Sehnsucht und Vertreibung zugleich.Die Filme, die zwischen 1921 und 1997 entstanden, bestimmen ein Koordinatennetz zur Orientierung ohne Illusionen; die erzählten Biographien sind Geschichten von der Unmöglichkeit, in der Stadt zu Hause zu sein.Es scheint, als könnten die Wiener Juden ihre Stadt nur aushalten, wenn sie sich entweder auf ihre Wurzeln besinnen oder aber bloß zeitweise und provisorisch von ihren kosmopolitischen Fluchtwegen in die alte Metropole zurückkehren.Sie kamen einst aus Galizien, Böhmen und der Bukowina in die alte k.u.k.-Hauptstadt, brachten es zu Ansehen und hatten selbstbewußt Anteil an der Wiener Kultur.1938 mußten sie erfahren, wie die Bevölkerung der Annexion Österreichs an das faschistische Deutschland zujubelte, wurden vertrieben oder zu Tausenden ermordet.Heute fühlen sie sich vom heimtückischen rechtsradikalen Terror bedroht, von Briefbomben und Attentaten.

Fremdbleiben, wo man eigentlich zu Hause sein mochte, oder Zugehörigsein als Wiener Jude, jedoch mit halber Identität in Amerika, Frankreich, England, Israel - das sind die beiden Extreme, zwischen denen sich die individuellen Lebensgefühle der Porträtierten eingerichtet haben.

Das Berliner Babylon-Kino hat mit Rat und Tat der Jüdischen Filmwoche in Wien dieses Programm zusammengestellt, das einen Querschnitt durch fast achtzig Jahre Spielfilm- und Dokumentarfilmproduktion zeigt.Es legt die Betonung nicht auf den Opferaspekt, sondern auf Stärken und Überlebenslisten, gerade auch in den Filmen zum Thema Holocaust.So beschreibt Nadja Seelich in dem Fotofilm "Theresienstadt sieht aus wie ein Curort", wie ihre gehbehinderte Großmutter ihr Leben im KZ rettete.Der Film berichtet faszinierend detailgenau, weil er mit dem authentischen Bericht der alten Frau arbeitet, den sie nach ihren Erlebnissen aufzeichnete."Die Kunst des Erinnerns" ist eine Hommage an den berühmten Nazi-Fahnder Simon Wiesenthal, der Adolf Eichmann ebenso wie den für Anne Franks Deportation verantwortlichen Polizeioffizier und viele andere Nazi-Täter aufspürte.Der Film zeichnet seinen Lebensweg nach und beschreibt die Motive und die stille Durchsetzungskraft, mit der Wiesenthal sein Ziel einer Überführung der Täter verfolgt.Wiesenthal stützte die Gründung seines Büros, das sich inzwischen zu einem internationalen Zentrum entwickelt hat, ursprünglich auf die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Alliierten.Der Film über ihn ist auch ein Stück politische Geschichtsschreibung, denn man kann darin nachvollziehen, wie sich die Interessen der Amerikaner im Kalten Krieg in Richtung auf eine Verschleierung und Kooperation mit den Nazi-Tätern änderten.

Axel Cortis schöner Film nach den Erinnerungen von Georg Stefan Troller, "Welcome in Vienna", schilderte 1985 die Erfahrungen eines jungen Wiener Juden, der sieben Jahre nach seiner Vertreibung als Sieger in seine Heimatstadt zurückkehrt und mit der rasch einsetzenden Verdrängung der Schuld nicht zurechtkommt.Billy Wilder und Leon Askin sind zwei Wiener, die ihren Weg in Hollywood machten.Askin, ein Theaterschauspieler und "supporting actor" in sogenannten "accent roles" im Hollywoodfilm, ist als grantiger alter Herr in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wo er zum Beispiel bei Klaus Maria Brandauer auf der Bühne agiert.

"Die Gefühle zu Wien sind ambivalent; das Wiederkommen ist nicht das Ende der Suche", sagt die Dokumentaristin Ruth Beckermann am Ende ihrer Reise in die eigene Familiengeschichte.Ihr Film "Die papierne Brücke" erzählt die Geschichte der Schtetl-Kultur in der Bukowina und sucht die Spuren ihrer Vorfahren, von denen viele im Holocaust ermordet worden sind.Ruth Beckermann findet auf ihrer Winterreise viele Orte der Familiengeschichte, aber nur wenige Menschen, die sich erinnern können.Die verbliebenen jüdischen Gemeinden sind winzig und abgeschnitten von dem einstigen Austausch mit der Wiener Metropole.Während die Filmemacherin diese Verluste reflektiert, wird sie bei ihrer Rückkehr nach Wien mit dem offenen Antisemitismus auf der Straße konfrontiert.

"Die papierne Brücke" entstand vor gut zehn Jahren.Ruth Beckermann wird diesen Film und zwei weitere vom kommenden Sonnabend bis Montag im Zeughaus-Kino vorstellen.Man wird sie zur heutigen Situation in ihrer Stadt befragen können, ebenso zu ihrer kritischen Befragung es Traumes von einer jüdischen Heimat in Israel.

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