Weltkriegs-Roman „Wir sehen uns dort oben“ : Lachen muss sein

Denkmäler ohne Ende: Pierre Lemaitre hat den großartigen Weltkriegs-Roman „Wir sehen uns dort oben“ vorgelegt.

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Buchcover von "Wir sehen uns dort oben" von Pierre Lemaitre.
Buchcover von "Wir sehen uns dort oben" von Pierre Lemaitre.Foto: promo

Es gibt viele Romane über den Ersten Weltkrieg, über das Grauen der Materialschlachten dort. Die Schrecken der Nachkriegszeit stehen dagegen literarisch im Schatten. Dabei war der Frieden in mancher Hinsicht die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Auf jeden Fall gilt dies für Pierre Lemaitres 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Wir sehen uns dort oben“. Er beginnt 1918, bei einer der letzten Schlachten an der Westfront. Jetzt schnell noch etwas Ruhm einheimsen als Startkapital für die Friedenszeit, denkt sich Leutnant Henri d’Aulnay-Pradelle. Er treibt seine Männer zu einem sinnlosen Angriff an, hilft ihrem Mut nach mit der Pistole. Als die eigentliche Hauptfigur, der Soldat Albert Maillard, bemerkt, dass gefallene Kameraden Einschüsse im Rücken haben, kann er sich nicht lange wundern – er wird von Pradelle jäh attackiert und dann bei einem Granateinschlag verschüttet. Éduard Péricourt, ein anderer Soldat, rettet Albert das Leben. Dabei wird er selbst von einem Granatsplitter im Gesicht getroffen und sein kompletter Unterkiefer weggerissen.

Lemaitre macht nun diesen Édouard, den jungen Mann mit dem halben Gesicht, zur zweiten Hauptfigur seines Romans. Und schildert anrührend eine ebenso schwierige wie unverbrüchliche Freundschaft. Albert hält zu seinem Lebensretter, lässt sich vom Gestank der Wunde nicht abschrecken, flößt Édouard Essen in die offenliegende Speiseröhre, besorgt ihm Morphium gegen die Höllenschmerzen. Und verschafft ihm eine neue Identität. Denn als wandelndes Monster – die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie, die dank der zahllosen Gesichtsverwundeten damals enorme Fortschritte machte, verschmäht Édouard – will er nicht zu seiner Familie zurückkehren. Seit je hatte er ein gestörtes Verhältnis zu seinem patriarchalischen Unternehmer-Vater, der seinerseits den künstlerisch begabten und homosexuell veranlagten Sohn ablehnte.

Pierre Lemaitres Roman entwickelt sich zur Gesellschaftssatire

Während in der Öffentlichkeit von den Helden des siegreichen Krieges schwadroniert wird, verelenden die ausgemusterten Kämpfer im Stillen. Albert, der vormalige Bankangestellte, verdingt sich als Plakatträger. Er und Édouard leben in einer schäbigen Wohnung in Paris. Abhilfe verspricht erst ein großangelegter patriotischer Schwindel, zu dem sich der ängstliche Albert nur zögernd überreden lässt: Édouard, der begabte Zeichner, entwirft einen Katalog mit kitschigen Gefallenendenkmälern, die sie Städten und Gemeinden anbieten wollen. Sie gründen eine Briefkastenfirma, Albert übernimmt das Geschäftliche, und bald treffen dank Vorkasse Millionen auf dem Konto ihrer Scheinfirma ein. Bevor jemand sein Denkmal vermisst, wollen sie Frankreich in Richtung Kolonien verlassen haben, so der Plan. Es ist ihre Rache an der Gesellschaft, die ihr Leben ruiniert hat.

Zunehmend entwickelt sich der Roman zur Gesellschaftssatire. Jedes kleine Städtchen will sein Kriegerdenkmal, es gibt viel zu verdienen, Gier, Korruption und weihevolle Worte gehen eine feste Verbindung ein. Unterdessen kommt auch Henri d’Aulnay-Pradelle auf seine Kosten. Er macht ebenso glänzende wie makabre Geschäfte mit der Umbettung von Soldatenleichen auf die neuen Ehrenfriedhöfe. Um die Gewinnspanne zu vergrößern, lässt er die Särge verkleinern; die toten Soldaten passen nur hinein, wenn man sie vorher in Stücke hackt. Außerdem heiratet er eine wohlhabende Frau: Édouards Schwester. Nicht nur durch diese etwas gewaltsame Verknüpfung werden die Wege der Hauptfiguren immer wieder zusammengeführt.

In "Wir sehen uns dort oben" teilen sich die Figuren in Gut und Böse

Man merkt dem Buch nicht nur durch die gewitzte, wechselvolle Handlung und die ebenso lässige wie souveräne Erzählweise an, dass Lemaitre zuvor Thriller geschrieben hat. In diesem Genre sind die Figuren meist typisiert und Gute und Böse oft deutlich zu unterscheiden. So auch in „Wir sehen uns dort oben“, wobei sich gerade Pradelle immer von neuem als Mistkerl von Format erweist. Solche Stereotype – hier die „Poilus“, die armen Frontschweine, dort der adlige Offiziersfiesling – sind kein Einwand gegen den Roman.

Denn auch wenn man die sozialkritischen Intentionen Lemaitres bald begriffen hat, freut man sich auf jeden weiteren Auftritt Pradelles, der eine gelungene Verkörperung eines Archetyps des französischen Romans seit Balzac und Maupassant ist: des überambitionierten gesellschaftlichen Aufsteigers. Am Ende, wenn sein Lügen- und Betrugsgebäude kollabiert, wenn er auch noch von seiner schwangeren Frau furios abserviert wird, beginnt man beinahe Sympathien für ihn zu entwickeln. Auch darin zeigt sich die Lebendigkeit der Figuren dieses Buches.

Der Roman, ein Treffer

Krieg und Komödie – es ist eine alte Mischung, deren sich Lemaitre bedient. Über den berühmten, bitterernsten Kriegsbüchern etwa von Remarque oder Jünger ist sie in Vergessenheit geraten. In Klassikern des Krieges wie Grimmelshausens „Simplicissimus“ oder Jaroslav Hašeks „Švejk“ dagegen liegen Schrecken und Gelächter nahe beeinander. So auch bei Lemaitre, ohne dass das Lachen den Schrecken verharmlosen würde.

Kurz bevor in Frankreich das Gedenken zum Ersten Weltkrieg einsetzte, hat der 1951 geborene Autor diese fabelhafte Satire auf die Gedenkindustrie abgeliefert und an den sozialen Unfrieden nach dem Friedensschluss erinnert. Und daran, dass auch Siege mit zahllosen menschlichen Niederlagen erkauft werden. Dieser Roman ist ein Treffer.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben. Roman. Aus dem Französischen von Antje Peter. Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2014. 522 Seiten, 22, 99 €.

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