Kultur : Welttag des Buches: Wahrheit allein reicht nicht aus

Jörg Plath

Im kollektiven Gedächtnis, Abteilung Feiern und Gedenken, herrscht Rangelei, seit die Kirche Konkurrenten bekommen hat. Nur hohe Feiertage haben ihre Stellung behaupten können, als arbeitsfreie Tage bleiben sie in guter Erinnerung. Die Namenstage dagegen stehen längst im Schatten von Schützenfesten, Theatertreffen, nationalen Gedenk- und so genannten Welttagen. Insbesondere letztere werden zuweilen mit subtilen Mitteln verankert. Am "Welttag des Sparens" etwa erhielten Kinder auf der Bank ein Sparguthaben. Seine Höhe mochte unbeträchtlich sein, doch manche zarte Seele war fortan für die Kirche verloren.

Ob solch schöner Erfolg auch dem von der UNESCO ausgerufenen "Welttag des Buches" zukommt, ist noch unentschieden. Seit sechs Jahren wird das säkulare Fest am heutigen Tag ausgerichtet, dem Todestag von Shakespeare und Cervantes sowie dem Namenstag des Heiligen San Jordi, an welchem sich in Katalonien ein Ritus aus nicht zu alter Zeit vollzieht: Frauen schenken ihren Männern ein Buch und erhalten retour - eine Rose. Seit November 1995 werden diese hübsch heterogenen Geschichten immer wieder erzählt, auf dass irgendwann eine Welttagtradition daraus werde.

Auch diesmal wieder loben die deutschen Buchhandlungen, Verlage und Börsenverein zum Motto "Bücher aus aller Welt" mit Hilfe von Sponsoren (Bertelsmann, Mitsubishi, Deutsche Bahn, ZDF) Gewinne aus, terrestrisch in den Verkaufsniederlassungen wie im Allüberall des Internets. Luftballons werden aus 3500 Buchhandlungen aufsteigen, mehr als 200 Veranstaltungen finden bundesweit statt. Nicht nur in Pfarrkirchen heißt es also: "Tatort Buch".

Ein gut gelaunter Buchwelttaggeist schwebt über all diesen Höhepunkten, aber in Berlin erwartet ihn der in mehrerer Hinsicht wohl strapaziöseste Einsatz. Das Haus der Kulturen der Welt richtete am Sonntag nämlich nicht nur ein umfassendes nachmittägliches Kinderprogramm aus, am Abend gefolgt von Alexandra Marinina, einer russischen Kriminalautorin, Harry Mulisch und Günter Grass. Sondern kurfristig bot man außerdem einen zweiten Literaturnobelpreisträger auf. Mit dem Nigerianer Wole Soyinka begann der heutige "Welttag des Buches" schon am Samstagabend.

Wie ein hoher Würdenträger leitet Soyinka die Festlichkeiten ein. Weiß leuchtend umgeben ein wolliger Haarschopf und ein ebensolcher Bart ein mildes Lächeln, der Messwein ist zur Hand, und seine ersten Worte erinnern an Heiner Müller, der mit ihm und einer Whiskyflasche im Jahre 1990 das Haus der Kulturen eröffnet habe. Für den bei den Ahnen weilenden Heiner Müller gießt Soyinka nach Yoruba-Brauch ein wenig Wein auf den Fußboden. In dem rituellen Totenopfer ist der ganze, recht lange Abend beschlossen.

Denn Wole Soyinka ist gekommen, aus seinem Buch "Die Last des Erinnerns" (Patmos Verlag) zu lesen. Es gedenkt der Toten Afrikas durch Sklaverei, Kolonialismus und innerafrikanische Auseinandersetzungen. Wie ist Versöhnung denkbar, fragt sich der Mann, der 1969 nach seiner Entlassung aus der Haft in das amerikanische Exil ging und dessen Freunde, darunter Ken Saro-Wiwa, von der Junta ermordet wurden?

Seit in Soyinkas Heimat die militärische durch eine zivile, wenn auch nicht demokratische Regierung abgelöst worden ist, arbeiten dort Gremien nach dem Vorbild der südafrikanischen "Wahrheits- und Versöhnungskommissionen". Ihre Sitzungen enden oft mit Vergebungen durch die Opfer, manchmal gar mit Fraternisierungen. Wole Soyinka warnt vor dieser "Kultur der Straflosigkeit". "Wahrheit allein reicht nie aus, um Versöhnung zu garantieren." Dazu brauche es Sühne, materielle Entschädigung durch die Täter.

Die Verheerungen des Kontinents seien Folgen der Sklaverei und des Kolonialismus, sagt er. Um den Gewaltzyklus zu durchbrechen, müsse Europa Wiedergutmachung leisten. Soyinka denkt nicht an finanzielle Leistungen für die zwanzig Millionen Menschen, die unter unvorstellbaren Bedingungen versklavt worden. Er schlägt Hilfe etwa bei der Aids-Bekämpfung vor, einen Schuldenerlass oder die Rückgabe der afrikanischen Beutekunst.

Die Fragen vor allem von Afrikanern nehmen kein Ende, und einer ihrer wichtigsten Intellektuellen, von dem kumpelhaften Übersetzer Gert Meuer stets "Wolle" genannt, beantwortet sie mit großer Entschiedenheit. Den Bokassas empfiehlt er als Beitrag zur Wiedergutmachung, sich an einem Baum aufzuknüpfen. Der jungen Nigerianerin rät er, nicht auf Entschädigungen zu warten, sondern mit der Opposition die Gegenwart zu gestalten. Kämpferisch spendet Wole Soyinka Trost und Stärkung.

Mehrmals wünschen sich weißhäutige Männer und Frauen ein Poem, und Soyinka verschließt sein Herz nicht. So endet die Audienz geradezu ökumenisch mit zwei Gedichtlesungen. Der "Welttag des Buches" ist eröffnet, nun freue dich, du Leser.

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