Kultur : Wenn das Geschirr im Oberstübchen zittert

ELEKTRO

Volker Lüke

Wenn diese Burschen zusammentreffen, dann sicher nicht zur Besäuselung Zartbesaiteter: Hochkonzentriert sitzen sie hinter ihren Laptops und fluten den Saal mit einer Musik, die ausgehalten werden will. Satanstornade nennt sich das gemeinsame Projekt des japanischen Noisemakers Masami Akita a.k.a. Merzbow mit dem britischen Elektrotüftler Russell Haswell, die bei diesem Ohrmuscheltest in der ausverkauften Volksbühne den Auftakt machen. Da peitschen Stahlruten die Luft, jaulen gehetzte Elektronen. Es klingt wie das Bremsen eines rasenden Metallungetüms, als wäre einer dabei, menschliche Nerven am Spieß zu rösten. Keiner wagt es zu tanzen, seine Erschütterung zu zeigen. Dann Withouse, das britische Bürgerschreck-Duo, das sich als eine Art Anti-„Blues Brothers“ präsentiert, gegenseitig zu provokanten Gesten und nihilistischen Tiraden anspornt, um von der einfallslosen Musik abzulenken, die nur aus einem bis in finsterste Folterkeller heruntergestimmten Industrial-Dauernervton-Gemurkse besteht.

Da bleibt nur die Rettung durch Richard D. James a.k.a. Aphex Twin, den rätselhaftesten aller Elektrolurche. Auch ein Superstar, der für einen seiner raren DJ-Auftritte nur 10 Platten mitbringt, der Rest kommt aus seinem Laptop, den er mit MP3-Dateien gefüttert hat und nun den Leuten als Non-Stop-Action-Schüttel-Groove um die Ohren bläst. Sein tobender Raubzug aus dem Internet beginnt mit einem Hochfrequenz-Pfeifton. Eine ins Mark gehende Vorstellung. Dynamischer Tanz des Phongottes: bollernde Breakbeats, bullige Rückkopplungen. Das Geschirr im Regal des Oberstübchens zittert noch immer.

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