Kultur : Wenn der Raum sich öffnet und schließt

BETTINA MÜLLER

Monique Thomaes, KünstlerinVON BETTINA MÜLLER1994 kam eine Postkarte: "tu te souviens" stand am Rand, daneben das Datum 30.September 1994, darüber die Uhrzeit 15:45.Ratlos auf der Fensterbank abgelegt, veränderte sich die Karte und dunkelte, bis nichts mehr zu lesen war.Abgeschickt hatte die Karte aus unbelichtetem Fotopapier Monique Thomaes, die 300 Karten im Minutentakt in Vitrinen des Werkbundarchivs ausgelegt hatte.Jede unterschied sich vom Nachbarn genau um den Grad des Dunkelns, den eine Minute Tageslicht verursacht hatte.Als Thomaes die "zeitskulptur" später einzeln verschickte, zerriß das Kontinuum.Den ungewissen Licht- und Zeitverhältnissen der Adressaten ausgeliefert, verlosch die Spur jeder Minute in einem anderen Tempo.Was für eine schlichte Allegorie auf das Gleichmaß der Zeit und die Sprunghaftigkeit der biographischen Uhren. 1988 kam sie aus Holland nach Berlin und war erst mal geschockt: "Wo ist denn hier die moderne Kunst?" Sie fand sie nicht in den Museen und kaum in den Galerien, mit Ausnahme von Anselm Dreher.Zwar hat sich mit der Wende die Empfänglichkeit für minimalistische und konstruktive Konzepte verbessert, doch auch die Konkurrenz wuchs.Als Späteinsteigerin, die erst nach der Geburt von drei Töchtern mit dreißig Jahren zu studieren begann, waren ihr die üblichen Förderwege ebenso versperrt wie Galerien, die "erste" Ausstellungen von "jungen" Künstlern zeigen.Doch nicht nur deshalb konzentrierte sie sich auf die Zusammenarbeit mit Institutionen, sondern auch, weil ihr Interesse nicht der Werkproduktion sondern dem Reagieren auf Räume galt. Heute kann sie "mit jedem Raum arbeiten und ihn verändern".Eine historische Aura, wie bei ihrer Installationen in der Parochialkirche 1995, ist nicht Voraussetzung.Damals fing sie die Spiegelung der Fenster in schräggestellten Glasscheiben auf, die in sonst leeren Vitrinen lagen: eine asketische Objektverweigerung.Diesen Purismus in der Deklination der elementaren Konstanten Raum und Licht trieb sie in einem Projekt im Pergamonmuseum weiter.Sie fotografierte die steinernen Augen der Skulpturen und integrierte deren nichtsehenden Blick in ihre gläsernen Anordnungen. Im gleichen Jahr aber hörte Monique Thomaes auf einmal ihren eigenen Atem.Hinter einer Videokamera, im leeren Keller eines Museums, schob sich der Rhythmus des Luftholens in den Wechsel von Aufleuchten und Verdunkeln, mit dem sie dort experimentierte."Das war eine ganz schwierige Frage: Wie bringe ich mich selbst in die Arbeiten hinein?" Sie schaffte es mit Hilfe des Autofocus an Diaprojektoren, die - wenn es keine konkreten Details zum Scharfstellen gibt - rastlos vor und zurückzoomen.Wenn sich die Lichtflächen auf der Wand kontinuierlich ausdehnen und zusammenziehen, glaubt man, der Raum selbst öffne und schließe sich. Seitdem beschleunigt die Künstlerin.In ihrer neuen Arbeit "Point de Vue", die sie nur für einen Tag im Neuen Berliner Kunstverein (29.April, ab 19 Uhr für zwölf Stunden) einrichtet, hat sie mit winzigen schnellen Schnitten ein Videoband manipuliert: Entstanden ist ein Bilder-Rapp.Der Besucher, der über spiegelnde Scheiben dies Stakkato kreuzt, wird sich langsam wie eine Schnecke vorkommen.Für ihr nächstes Projekt will sich Thomaes verstärkt den Mikroprozessoren des Computers anvertrauen.Ihre Tochter hat sie in die Technik eingewiesen.

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