Kultur : Wenn die Zeit schweigt

Melancholisch: Zwei Berliner Ausstellungen feiern die frühen Meister der Fotografie

Kai Müller

Man weiß praktisch nichts über den jungen Amerikaner, der 1854 an einem Katarakt des Nils seine unhandliche Plattenkamera auf ein Stativ bockte und das stille, an der Felsstufe gestaute Wasser aufnahm. Der passionierte Archäologe bewegte sich fernab touristischer Attraktionen. Was er suchte, waren die im Sand versunkenen Hinterlassenschaften des Pharaonenreichs. Aber als Bildermacher faszinierte John Beasley Greene eine Landschaft, zu der das technische Zeitalter vor ihm noch keinen Zugang gefunden hatte. Trotzdem war er dessen Bote. Auf seinen Reisen durch Ägypten und Nordafrika fotografierte er vornehmlich leere Gegenden. Das zumindest legen die fünf Originalabzüge nahe, die der Sammler Heiner Bastian aufgetan hat und die er nun in einer sehenswerten kleinen Schau in der Alten Nationalgalerie zeigen darf. Es sind beeindruckende Naturporträts, die das Medium der Fotografie schon in seiner Frühphase als dem Grandiosen und Monumentalen zugeneigtes Instrumentarium der Überhöhung zeigen. Dass ihr Schöpfer im Alter von 24 Jahren starb, verleiht ihnen den Nimbus des Genialen.

„Fragmente der Melancholie“ haben Heiner Bastian und seine Frau Céline die Ausstellung überschrieben, mit der sie an prominentem Ort erstmals einen Einblick in ihre seit etwa 15 Jahren zusammengetragenen Schätze aus der Geburtsphase der Fotografie geben. Es handelt sich, so Bastian, um solche Preziosen, die einer Bemerkung seines Künstlerfreundes Cy Twombly entsprechend mehr sind als Fotos, nämlich „richtige Bilder“. Denn die Fotografie selbst interessiere ihn gar nicht, räumt der Sammler zum Auftakt der Ausstellung kokett ein und streicht sein Interesse an etwas heraus, das er als „visuelle Poesie“ umschreibt, als Erfindung von Wirklichkeit. So fiel sein Augenmerk auf Foto- Abenteurer wie Antonio Beato, Francis Frith, Linnaeus Tripe und Louis De Clercq. Sie durchstreiften die durch ausgebaute Eisenbahnnetze und beschleunigte Dampfschifffahrtsrouten erreichbarer gewordene Fremde auf der Suche nach Motiven, die von der neuen Epoche noch unberührt waren. Während sich die Welt rasant veränderte und 1839 mit der Daguerreotypie ein neues Flüchtigkeitsmedium erfunden wurde, steht in den Bildern der Fotopioniere die Zeit still.

Man darf die 68 Stücke aus der Bastian-Sammlung nicht als historische Dokumente betrachten. Ihnen liegt eine imponierende Verdrängungsleistung zugrunde. Die technischen Modernisierungsfortschritte wurden meist geflissentlich ausgeblendet. Es galt, den Geist jener veralteten Welt festzuhalten, von der man wohl ahnte, dass sie nicht überlebensfähig sein würde. Menschenleere Straßen, verwaiste Plätze und Gebäude. Nichts sollte den Blick auf klassische Fassaden, Ruinen und Kirchenportale stören. In den bretonischen Seestücken des genialen Belichtungskünstlers Gustave Le Gray, eines Lehrers von Greene, wird ein Bewölkungsdrama inszeniert, das von der „Sehnsucht nach unerreichbarer Idealität“ (Bastian) erzählt. Und Francis Friths Blick vom Hohenzollernschloss auf Lustgarten und altes Museum (ca. 1870) verrät den Wunsch des modernen Klassizisten, noch einmal das kulturgeschichtliche Ganze in den Blick zu bekommen und bruchlos die Linie vom hellenischen ins industrielle Zeitalter zu ziehen.

Bei so viel Bewahrungswillen, der aus den sepiafarbenen Arbeiten spricht, verwundert es nicht, dass Heiner Bastians Sammelleidenschaft auch eine kulturpessimistische Komponente hat. Er sieht seine Fundstücke als Inseln der Nobilität, als Gegenentwürfe zur grassierenden Banalisierung der Gegenwart. Dabei ummäntelt Bastians Rede von der „innerlichen Resonanz“, die jedem Weltverständnis eigen sei, vielleicht nur eine geschickt eingefädelte Operation am Kunstmarkt. Denn längst ist Bastians Bemühen um Werke „aus dem ersten Jahrhundert der Fotografie“, wie der aktuelle Ausstellungstitel verheißt, durch die Konkurrenz zu anderen Sammlern gedeckt. Er selbst gesteht, dass er sein Archiv nicht wesentlich wird erweitern können. Zu teuer seien die Bilder geworden.

Deshalb schwebt der Vorwurf im Raum, die Staatlichen Museen zu Berlin hätten dem profunden Kunstkenner nun mit der exklusiven Einzelausstellung eine „Gefälligkeit“ erwiesen. Ganz entkräften kann der scheue Mann das nicht, obwohl er betont, dass er alles selbst bezahlt habe. Aber was heißt das schon für einen, der mit Sammlungsbeständen zu pokern weiß? Seine Kritiker finden: Er hat sich eingekauft, um den Boom der frühen Fotografie weiter anzuheizen.

„Hier wird ein Kanon etablierte“, lobt Generaldirektor Klaus-Peter Schuster euphorisch Bastians Gespür für die alten Meister der Fotografie, die seit 1915 als Gegenkräfte zum Kunstanspruch des Piktoralismus aufgewertet werden. Daran dürfte auch die frappierend ähnlich gelagerte Ausstellung in der Villa Grisebach teilhaben, in der die von Kunstkritiker Wilfried Wiegand zusammengetragene Sammlung mit Fotos aus derselben Epoche zu sehen ist. Kleiner dem Umfang nach, aber historisch nicht minder bedeutsam. Vierzig Originalabzüge – darunter Roger Fentons Ansichten des Krimkrieges, Giorgio Sommers Aufnahme vom aschespeienden Vesuv (1872) sowie das sechsteilige Panorama eines französischen Manöverfeldes von Le Gray – unterstreichen das Bemühen der frühen Lichtbildkünstler, die Welt als Spiegel der Seele zu fassen.

Doch verdankt sich die Attraktion der Wiegandschen Vintage Prints auch der Druckqualität. Mindestens 130 Jahre haben sie überdauert. Und das, obwohl die chemischen Prozesse damals einem Vabanquespiel glichen. Solche Fotos würden von der „Schwerarbeit des Lichts“ erzählen, schreibt der ausgewiesene Foto- Historiker Wiegand in einem Katalogbeitrag zu Bastians Schau. Und trifft damit den melancholischen Nerv. In einer Welt, in der das tätige Leben ruht, muss das Licht alles selber machen.

Fragmente der Melancholie, eine Ausstellung des Museums für Fotografie in der Alten Nationalgalerie, bis 25. Februar, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr; der Katalog ist im Hatje-Cantz-Verlag erschienen und kostet 39,80 €.

Magie der Stille, Villa Grisebach, bis 20. Januar, Fasanenstr.. 25, Charlottenburg, Di-Sa 10-18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben