Kultur : Wenn ich einmal reich wär

PolaroidsdesLebens:ForcedEntertainmentzuGastimPrater

Peter Laudenbach

In Jakob Arjounis neuem Buch „Idioten“ erscheint fünf durchschnittlich neurotischen Zeitgenossen eine Fee, die ihnen anbietet, ihnen einen Wunsch zu erfüllen. Weil die Klassiker (Liebe, Geld, Unsterblichkeit, Gesundheit) ausgeschlossen sind, wird für Arjounis Figuren der Zwang, sich für eine Option entscheiden zu müssen, zwangsläufig zur Begegnung mit dem eigenen Unglück. Nichts legt Defizite zuverlässiger offen, als die Möglichkeit, das eigene Leben mit einem einzigen erfüllten Wunsch zu verändern.

Ähnlich funktionieren die Monologe in dem Stück „Voices“, mit dem das britische Schauspielkollektiv Forced Entertainment um den Autor und Regisseur Tim Etchells im Prater der Berliner Volksbühne gastiert: Acht Monologe, minimalistisch nüchtern präsentiert, in denen Leute zwischen 30 und 40 von ihren Fantasien erzählen. Sie erfinden sich redend ein anderes Leben, das vor allem davon zeugt, was ihnen außerhalb der Wunschbilder fehlt. Der junge Mann, der sich vorstellt, wie es wäre, als Rockstar in einer Villa zu leben, mit Bodyguards, die „schnell und sauber töten“ und dem Prinzip, nie mit dem gleichen Mädchen zweimal zu schlafen, hat offenbar ein kleines Problem mit den Frauen, mit der Anerkennung und dem eigenen Leben. Je länger seine Wunschliste gerät, desto bizarrer wird sie.

Der kindliche Wunsch, das Glück in der Aufzählung von Luxusgütern, Sex und Prominenz zu fassen, bekommt etwas zutiefst trauriges. Beides, die Komik der Omnipotenzfantasien und das dahinter liegende Unglück, ist in der trockenen Lakonie der Inszenierung aufgehoben. Man hört einfach einem Menschen zu, der seine endlose Superstar-Wunschliste aufzählt. Wenn er fertig ist, kommt der nächste, der gerne ein genialer Erfinder wäre oder Supermann oder eine unsichtbare Frau, die lebt, ohne Spuren zu hinterlassen, weder Fußabdrücke im Sand noch Daten auf den Festplatten der staatlichen Bürokratie. Das wird kommentarlos aneinandergereiht. Spröder geht es nicht. Aber gerade in der Lakonie der Inszenierung entwickelt Tim Etchells Stück berührende Kraft. Was er zeigt, sind Polaroids des zeitgenössischen Lebens, eine Art Dokumentartheater der unerfüllten Sehnsüchte, Skizzen aus der frustrierten unteren Mittelschicht.

Mit ihrer Neudefinitionen des zeitgenössischen politischen Theaters wurde Forced Entertainment aus Sheffield in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten europäischen Performancegruppen. Das Kollektiv entwickelte eine theatralische Sprache, die auf Rollenrepräsentation, Illusionsrealismus, konventionelle Theatralität radikal verzichtet und stattdessen mit Live Art, Performance und Videos arbeitet. Was so entsteht sind eher Installationen als normale Theateraufführungen. „Instructions for Forgetting“, Etchells vorletztes Stück, ein Solo mit merkwürdigen Videos, war vor kurzem als Gastspiel im Prater zu sehen. Im vergangenen Jahr wurde es als innovativer Höhepunkt der Wiener Festwochen gefeiert. Etchell erzählt auf der Bühne von Amateurfilmen die ihm Freunde geschickt haben, zu diesen Homevideos erfindet er Geschichten. Ein Video war völlig leer, wie das Dokument eines Lebens, das keine Spuren hinterlassen hat: Alle Erinnerungen sind ausgelöscht. Während das schwarz-weiße Rauschen des unbespielten Bandes zu sehen ist, erzählt Etschells von der Hinrichtung eines Mörders.

Wieder am 27. und 28. Januar um 20 Uhr.

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