Kultur : Wenn man Eulen nach München tragen will

CHRISTIAN BÖHME

Menschen, die beruflich mit Büchern zu tun haben, sind in der Regel eher zurückhaltende Zeitgenossen. Gefühlsausbrüche, gar derbe Unmutsbekundungen sind ihnen fremd. Da machen auch die Mitarbeiter der Berliner Ullstein Verlage keine Ausnahme. Normalerweise. Doch von Normalität ist man in der Kreuzberger Charlottenstraße derzeit weit entfernt. Ein Teil der Belegschaft spricht von Unverständnis, Betroffenheit und Panik. Andere Angestellte drücken es noch drastischer aus: "Hier ist die Kacke am Dampfen." Daß es seit gut einer Woche dampft, daß sogar Tränen fließen, hat einen einfachen Grund. Am 24. Juni gab der erst drei Wochen zuvor zum neuen Leiter gekürte Christian Strasser der überraschten Mannschaft bekannt, daß ein Großteil des Verlages so bald wie möglich nach München ziehen und dort Bestandteil des ebenfalls von ihm geführten Verlagshauses Goethestraße werden soll. Seitdem hängt der Haussegen schief. Die Mitarbeiter fühlen sich "wie gelähmt". Nicht nur der Betriebsrat spricht davon, daß der Umzug wohl der Anfang vom Ende des 1877 gegründeten Berliner Verlagshauses sein wird.

Auch wenn die Verantwortlichen bei der Axel Springer AG (ihr gehören sowohl Ullstein als auch das Verlagshaus Goethestraße) immer wieder betonen, die Eule als Markenzeichen werde erhalten bleiben, dürfte es ihnen schwerfallen, die Prophezeiungen zu widerlegen. Selbst bei nüchterner Betrachtung hört sich der Umzugsbeschluß an wie ein Abgesang auf ein Traditionsunternehmen: Ullstein Hardcover, Ullstein Taschenbuch, Verlag Gesundheit und Sportverlag werden nach München verlegt. Dort sollen sie mit Econ & List, Claassen, Marion von Schröder und führenden Ratgeber-Verlagen zusammengefaßt werden. Die gesamte Axel-Springer-Buchsparte wird künftig "Econ, Ullstein, List, Berlin / München" heißen.

Am Stammsitz in Berlin bleiben lediglich Ullsteins Imprint-Verlage Propyläen (Sachbuchbereich mit Politik, Zeitgeschichte und Biographien), Quadriga (als Forum für junge Berliner Autoren) und der neuzugründende Ullstein Berlin (Hauptstadt-Themen, Autoren aus Ostdeutschland) erhalten. Das klingt nicht unbedingt nach einem großen Einschnitt oder gar einer Schließung. Doch von knapp achtzig Mitarbeitern sollen 25 bis 30 das Angebot erhalten, künftig in München zu arbeiten. Nur sieben bis acht können im "Berliner Büro" von Ullstein bleiben. Für den Rest der Belegschaft ist die berufliche Zukunft ungewiß. Zwar soll es bis zum 31. Dezember kommenden Jahres keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Was jedoch danach sein wird, weiß niemand.

Für die Geschäftsführung stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Seit Jahren schreibt Ullstein tiefrote Zahlen. Gemeinsame Verwaltungs-, Herstellungs- sowie Marketing- und Vertriebsabteilungen sollen Geld sparen. Für München spricht zudem der Titel "größte Verlagsstadt Deutschlands". Etwa 280 Verlage haben in der bayerischen Metropole ihren Sitz (Berlin: 205). Im vergangenen Jahr wurden dort 13 500 Titel produziert (Berlin: 6700). Dem Sog des Südens können oder wollen sich auch andere große Verlage nicht entziehen. Die "Deutsche Verlagsanstalt" plant wie die Verlagsgruppe "Droemer Weltbild", sich im Büchermekka niederzulassen. Doch das allein wird nicht den Ausschlag gegeben haben. Vermutlich spielte die Person Christian Strasser die entscheidende Rolle. Der gelernte Buchhändler und Absolvent der Harvard Business School war einige Jahre Vizepräsident von "Time Life". Als der heute 53jährige 1985 nach Deutschland zurückkehrte, begann er eine eigene Verlagsgruppe aufzubauen. Als Kleiner der Branche gelang es ihm, schwächelnde Große aufzukaufen. Darüber hinaus eilt ihm der Ruf voraus, riesige Vorschüsse für Rechte vor allem auf dem internationalen Buchmarkt zu zahlen. Tatsache ist, daß er vor gut einem Jahr 95 Prozent von Econ & List an Springer verkauft hat, aber Chef des Münchner Hauses blieb. Für Strasser und seine Pläne mit Ullstein mag aus Sicht des Springer-Vorstandes gesprochen haben, daß seine Managerqualitäten ebensowenig bezweifelt werden wie sein Mut, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Hinzu kommt seine Fähigkeit, Visionen zu entwickeln. All dies bescheinigen ihm seine neuen Mitarbeiter ohne weiteres. Gerade deshalb verstehen viele nicht, warum es keinen Versuch gab, einen der größten Publikumsverlage an seinem alten Standort zu sanieren.

Aus Sicht der Belegschaft ein nachvollziehbarer Wunsch. Die Axel Springer AG indes war anscheinend mit ihrer finanziellen Geduld am Ende. Das kündigte sich bereits kurz vor Pfingsten dieses Jahres an. Verlagsleiter Wolfram Göbel verkündete sein Ausscheiden aus dem Unternehmen - in bestem Einvernehmen, wie es hieß. Mit anderen Worten: Die Konzernführung war mit dem 54jährigen unzufrieden. Intern werden Organisationsmängel, Konzeptlosigkeit und Managementfehler als Gründe genannt. In der Charlottenstraße galt er als nett und versiert, aber auch als "zu weich", um den Verlag wieder profitabel zu machen. Den unausgesprochenen Zweikampf mit Strasser habe Göbel nicht gewinnen können.

Nun läuten die Abschiedsglocken für Ullstein in Berlin. Dennoch ist der Aufschrei in der Branche ausgeblieben. Vor gut einem Jahr, beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, war der Verkauf des Berlin Verlages von Arnulf Conradi an Bertelsmann und das Zusammengehen mit dem Siedler Verlag noch das Gesprächsthema. Als vor wenigen Tagen die neue Runde des Literatenwettstreits in Klagenfurt über die Bühne ging, war die Neuigkeit über Ullstein den versammelten Buch-Experten kaum ein Achselzucken wert. Zum einen wird schon lange gemutmaßt, daß Ullstein ganz oben auf der Streichliste der Axel-Springer AG steht. Zum anderen hatte das Haus lange ein schlechtes Image. Es galt als publizistischer Rechtsausleger. Verantwortlich zeichnete dafür in erster Linie der damalige Geschäftsführer Herbert Fleissner. Der Münchner Verleger versuchte, Ullstein / Propyläen für braune und halbbraune Themen und Autoren zu öffnen. Zum ersten Eklat kam es 1985, als Fleissner die NS-Verbrechen relativierende Reihe "Herbig - Materialien zur Zeitgeschichte" durchsetzte. Um sich nicht zu sehr zu entblößen, verstand er es später, immer wieder auch renommierte Titel und Autoren in sein Verlagsprogramm aufzunehmen, so zum Beispiel Willy Brandts Memoiren. Beobachter sahen in solchen Büchern eher Feigenblätter. Diesen publizistischen Spagat versuchte der Berliner Historiker Rainer Zitelmann zu bewältigen, der 1992 von Fleissner zum neuen Cheflektor von Ullstein / Propyläen bestellt wurde.

Erneut litt das Ansehen des Verlages drei Jahre später. Es ging damals um den neunten Band der "Propyläen Geschichte Deutschlands" über die Zeit zwischen 1933 und 1945. Nicht das Projekt als solches wurde kritisiert, sondern der Autor. Nachdem der renommierte NS-Forscher Hans Mommsen ausgebootet worden war, sollte KarlHeinz Weißmann den Auftrag übernehmen. Die Herausgeber der Reihe fragte man gar nicht erst. Die Empörung war riesig. Denn der Göttinger Studienrat galt als nationalkonservativer Sympathisant der "Neuen Rechten". Das Buch erschien dennoch und wurde von den Rezensenten zerrissen. Kurze Zeit später, bei Ullstein führte inzwischen Wolfram Göbel das Zepter, wurde der Band vom Markt genommen. Der Ruf des Verlags war weitgehend ruiniert.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Jahre, in denen sich Ullstein redlich und nach Ansicht vieler Beobachter auch erfolgreich bemühte, das bräunliche Erbe hinter sich zu lassen. Freilich kam der Publikumsverlag über Achtungserfolge (wie Michael Kleebergs Roman "Ein Garten im Norden") kaum hinaus. Dennoch: Es war produktive Ruhe eingekehrt - bis die Nachricht vom Umzug bekannt wurde. Der Betriebsrat will zwar alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um eine andere Lösung zu finden. Aber nur Zweck-Optimisten sehen dafür noch eine Chance.

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